1. Einleitung:
Fragerichtung und
Projektbeschreibung
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1.[119:4] Wir meinen eine pädagogische Diagnostik. Dieser Terminus wird zwar auch in dem zitierten Handbuch verwendet; es zeigt sich aber rasch, daß dort fast nur von schulpädagogischer Diagnostik die Rede ist. Es herrscht demgemäß eine Perspektive vor, in der die institutionell definierten Lernziele (die formulierten Anforderungen der Curricula) ins Verhältnis gesetzt werden zu den Startbedingungen der Schülerinnen/Schüler und zu den„Treatments“des Unterrichts. Es ist also die Frage, ob die dort vorgeschlagene Perspektive zwar für schulisch-unterrichtliche Diagnosen hilfreich, für die Diagnostik der Jugendhilfe bzw. Sozialpädagogik aber als unzureichend gelten darf.
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2.[119:5] Auch für sozialpädagogische Diagnosen gilt das von jenen Unterrichtsdiagnostikern unterstellte logische Schema: es gibt eine in der Person des Kindes oder Jugendlichen manifestierte Verhaltenscharakteristik; es gibt ein gewünschtes Ziel der pädagogischen Bemühung; und es soll gesucht werden eine Form des„Treatments“, der Behandlung, des Umgangs, der Therapie, die diesem Ziel möglichst nahe|A3 10|kommt. Das scheint plausibel zu sein; plausibel oder gar begriffsnotwendig ist es indessen nur im Hinblick auf die Logik, nicht aber im Hinblick auf die Empirie: die Ziele, denen ein sozialpädagogisches„Treatment“dienlich sein soll, sind nur in seltenen Ausnahmefällen derart genau formulierbar, wie das für gewünschte Unterrichtserfolge die Regel ist. Die empirische Passung von Ausgangsbedingungen (Persönlichkeitsmerkmale, familiäre Herkunft, soziale Kontexte, biographische Besonderheiten usw.), von den Pädagogen favorisierten Zielen (etwa nachzuholender Hauptschulabschluß, Vermittlungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt, Distanzierung von einer Clique von Drogen-Usern, Bildung eines sozial verträglichen Interaktionsverhaltens u. ä.) und von Behandlungs- oder Umgangsweisen, von sozial hilfreichen Settings, die in der Lage wären, problematische Ausgangszustände in gewünschte und sozial akzeptable zu überführen – die Herbeiführung einer solchen Passung wirft begriffliche und empirische Probleme auf, die anders sind als in der Unterrichtsdiagnostik. Im Unterschied zum Lehrer oder Schulpsychologen ist nämlich der Sozialpädagoge nicht der Bekräftigung, der Evaluierung, der Verbesserung einer empirisch eingespielten Logik von Ausgangslage, Treatment und Lernziel konfrontiert, deren Randbedingungen durch die Institution der Schule und der allgemeinen Schulpflicht immer schon vorgegeben sind. Der Sozialpädagoge ist vielmehr dem Prozeß der Konstruktion sozialer Wirklichkeit ausgesetzt, in dem die Variablen, mit denen der Unterrichtsdiagnostiker rechnen kann, noch einmal in Frage gestellt werden. Allerdings sind auch Sozialpädagogen nicht normativ freigesetzt: sie sind an die Normen der Verfassung gebunden, und ihnen ist im Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz (KJHG 1990) ein institutioneller Rahmen für die Bewältigung ihrer Aufgaben vorgegeben. Derartige normative und institutionell-rechtliche Vorgaben haben indessen für sozialpädagogische Vorgänge andere Implikationen und Folgen als schulpädagogische. Wer an der Zone sozialer Abweichung arbeitet, sich diese gar pädagogisch zum Thema macht, der muß sich, wenn er in dieser Lage pädagogisch wahrhaftig sein soll, auf Lebensentwürfe einlassen, die curricular nicht mehr vermessen werden können, obzwar durchaus rechtsförmig.
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3.[119:6] In dieser Lage – daß sie so ist, wie gerade nur etikettierend behauptet, muß freilich noch erläutert werden – greifen Sozialpädagogen gern zu einer Rhetorik, die das Plurifaktorielle, die unübersichtliche Schwierigkeit, die Interdisziplinarität, die Unordnung des Alltags, die Unvorhersehbarkeiten, also die Berücksichtigung von allem und jedem hervorhebt. Im Hinblick auf sozialpädagogische Diagnostik führt das zu Aufgabenstellungen, die, wie uns scheint, von niemandem mehr bewältigt werden können. So enthält – ohne daß irgendwelche diagnostische Verfahrensweisen angegeben werden – der schon zitierte Achte Jugendbericht der Bundesregierung die folgenden Aufforderun|A3 11|gen:sollen zunächst„Schwierigkeiten (von Kindern und Jugendlichen, d. Verf.) als Ausdruck von Problemlösungsverhalten“gesehen werden; sie sollen zudem im Kontext„aus dem Erfahrungs- und Verständnishorizont der Adressaten“interpretiert werden; auch die„ihrer Lebenslage, also den gesellschaftlichen, sozialen, geschlechtsspezifischen und sozialstaatlich geprägten institutionellen Rahmenbedingungen und Deutungsmustern“sollen berücksichtigt werden samt der„näheren sozialen Verhältnisse … Arbeits-, Lern- und Sozialarrangements“; schließlich soll auch dem biographischen Zusammenhang,„in ihnen geltenden Erwartungen“Geltung verschafft werden, sowie der Frage nach der„den Lebensphasen und der darin angelegten besonderen Lebensbelastung … mit ihren Möglichkeiten, Grenzen und Hoffnungen“von Lebenssituationen und den„öffentlichen und institutionellen Definition“(alle Zitate aus:„dadurch ausgelösten gesellschaftlichen Reaktionen“Bundesminister für Familie usw. 1990, S. 132 f.). Dies alles ist gewiß zustimmungsfähig und gut gemeint. Aber können Sozialpädagogen das überhaupt leisten? Es wird in dem zitierten Text ja nicht ein Rahmen für Forschungsproblemstellungen vorgeschlagen, der zur Förderung empfohlen, sondern er hat die Überschrift„Diagnose“. Und unter dieser Überschrift nun erscheinen Aufgabenstellungen, die interdisziplinär alles versammeln, was Sozialwissenschaftlern heute dazu einfallen kann. Wer diese Aufgabe bewältigen wollte, müßte Erziehungs- oder Bildungsromane schreiben. Wer unter uns, den Sozialpädagogen, Theoretikern wie Praktikern, ist schon wie , , , beispielsweise? Aber ein wichtiges Symptom sind derartige„diagnostische“Empfehlungen durchaus: Sie sind ein Anzeichen dafür, daß sozialpädagogische diagnostische Problemstellungen den Konstruktionsregeln für die Herstellung sozialer Wirklichkeit offenbar radikaler konfrontiert sind, als dies in anderen pädagogischen Feldern der Fall ist. Nur daraus können wir uns erklären, daß wenige Absätze eines Textes zur Diagnostik unversehens in den Versuch einer Total-Analyse der Befindlichkeit heranwachsender Individuen im Gesellschaftssystem geraten. Derartige theoretische Peinlichkeiten haben also ihren Grund in der Sache.
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4.[119:7] Dieser Grund in der Sache macht (wenigstens) zwei Reaktionen wahrscheinlich. Die eine ist gerade skizziert worden, der Weg in eine romanhafte, jedenfalls möglichst universelle Lebensdiagnostik, bezogen auf die Klientel der Jugendhilfe. Die andere Reaktion favorisiert die Reduzierung der Komplexität, freilich nach Maßgabe verschiedener Kriterien: Die einen bevorzugen den„Labeling Approach“, das heißt die in der interaktionstheoretischen Diskussion herausgearbeitete These, daß Diagnostik Zuschreibung sei und es also, in sozialpädagogischer Forschung, darauf ankäme, diese Zuschreibungsprozeduren zu beschreiben und in ihrer gesellschaftlichen Funktion zu analysieren. Aber was geschieht dann, nach dieser Analyse? Der Praktiker ist nun |A3 12|zwar kritisch gebildet; aber wie soll er diagnostizieren? Andere verlegen sich auf die kritische Beschreibung von Professionalisierungswegen und von Routinen der Alltagspraxis sozialpädagogisch relevanter Berufe. Auch hier kommt viel zutage, was den Sozialwissenschaftler bekümmern mag. Aber was folgt daraus? Wieder andere verlassen sich auf die„bewährten“diagnostischen Verfahren von Psychologie und Psychiatrie und denken, die Sozialpädagogen würden, mit diesem Wissen ausgestattet, dann schon einen pädagogisch respektablen Weg finden. Dann gibt es noch jene, die weder der universalistischen diagnostischen Attitüde trauen noch einem nur durch Forschungspragmatik zu rechtfertigenden Reduktionismus, und die deshalb auf„Theorie“setzen. In dieser Manier wird beispielsweise neuerdings empfohlen, Theorie der Entwicklung moralischen Urteilsvermögens zur Grundlage der Sozialpädagogik zu machen. Aber auch dies wäre, angesichts unserer Frage nach einer sozialpädagogischen Diagnostik, eine Reduktion. So wenig wir theoretische Reduktionen bemängeln möchten, denn sie sind unumgehbar, so wenig wir auch bezweifeln können, daß moralisches Urteilen und Handeln eine wichtige Dimension der Lebenswirklichkeit der Jugendhilfe-Klientel ist, so nachdrücklich machen wir aber auch geltend, daß dies zwar eine wesentliche Komponente, nicht aber der Grund ist für diejenige Art der Unterstützungsbedürftigkeit, die die Jugendhilfe-Einrichtungen in ihren Kindern und Jugendlichen vorfinden. Die Universalisten also – so möchten wir diese knappen Andeutungen noch knapper zusammenfassen – bürden den Sozialpädagogen, vor allem den Praktikern, zu viel auf. Die Reduktionisten hingegen verlangen von ihnen zu wenig bzw. geben ihnen weder Perspektive noch Hilfe für das, was eine sozialpädagogische Diagnose sein könnte – und darunter verstehen wir nicht irgendeine allgemeine sozialwissenschaftliche Diagnostik der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Institutionen, sondern eine Diagnostik der Lebenslagen von Individuen.
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1.[119:11] Innerhalb der Jugendhilfe bereitet eine bestimmte Fallgruppe von Jugendlichen den Sozialpädagogen und Sozialarbeitern besondere Sorgen. Es handelt sich um Jugendliche, die als besonders schwierig gelten (vgl. Bundesminister für Familie usw., 1990, S. 152), die sich in besonderen Krisensituationen befinden oder die aufgrund ihrer aktuellen Lebenssituation besonders gefährdet sind (vgl. Münder 1991, S. 182 ff.) und für die es kaum geeignete Hilfemaßnahmen gibt oder die sich allen Hilfeangeboten entziehen wollen. Bei diesen Jugendlichen handelt es sich zum einen um solche in besonderen Lebenskrisen, mit schweren Belastungen, in aktuell gefährdeten Situationen (z. B. im Punker-, Prostituierten- und Nichtseßhaftenmilieu), die eine besondere Betreuung und Inobhutnahme benötigen; nach dem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) sind bei diesen Jugendlichen die Hilfen zur Erziehung gemäß § 34 (Heimerziehung), § 35 (intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung) und Inobhutnahme (§ 42 angezeigt. Zum anderen betrifft es Jungen und Mädchen, die längere und mehrfach wechselnde Heimaufenthalte hinter sich haben und die in dem üblichen„Heimsetting“nicht genügend gefördert werden können und für eine Einzelbetreuung noch zu unselbständig wirken. Nach unserer Schätzung gibt es pro Jahrgang allein in Niedersachsen mindestens 250 Jugendliche, die dieser Klientel zugerechnet werden können und die an die Jugendhilfe herantreten oder schon betreut werden. Diese Jugendlichen sind nicht nur das„Sorgenkind“der Jugendhilfe, sondern auch das„Stiefkind“sozialwissenschaftlicher Forschung. Die aktuelle Forschungslage ist nicht gerade üppig. Das Forschungsinteresse an dieser Klientel, die wir im folgenden„psychosozial schwer belastete Jugendliche“nennen, war während der 70er Jahre stärker, nahm aber im Zuge der Heimreform ab. Es wurde etwa in der Mitte der 80er Jahre wieder mehr belebt, und zwar im Zusammenhang mit der Diskussion um Abschaffung der geschlossenen Heimerziehung (vgl. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik 1986; v. Wolffersdorff/Sprau-Kuhlen 1990) und durch die verstärkte Suche nach und der Erprobung neuer Betreuungsformen als Alternativen zur geschlossenen Unterbringung. Als beispielhaft sind hier zu nennen die Modellevaluation von Kupko (1985), D. und W. Hosemann (1986) und die zusammenfassende Auswertung des hessischen Modellprogramms zur heilpädagogischen Intensivbetreuung von Birtsch (1986). Das wiederaufblühende öffentliche Interesse an dieser schwierigen Jugendhilfeklientel steht auch vor dem Hintergrund einer in den letzten Jahren verstärkten selbstkritischen Reflexion der Heimerziehung (Planungsgruppe Petra 1987; 1988; Freigang 1986; Cobus-Schwertner 1984) sowie dem Bemühen um Verbesserung der Kooperation von Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie, die u. a. bei dieser Klientel angebracht ist (vgl. Gintzel/Schone 1989; 1990).
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2.[119:12]Für diese Fallgruppe von Jugendlichen plante und realisierte ein kleiner Trägerverein der Jugendhilfe, Betreiber eines Heims, einer Kindertagesstätte und einiger Wohngruppen, das Praxis-Projekt, nämlich pädagogische Erfahrungs-, Intensiv- oder Erlebniskurse – ein wirklich angemessenes Vokabular zu finden ist schwierig. In Zusammenarbeit mit Jugendämtern und anderen Heim-Trägern wurden insgesamt 18 Jugendliche aus dem Einzugsbereich zweier Landesjugendämter ausgewählt (13 Jungen, 5 Mädchen), deren aktuelle sozialpädagogische Betreuerinnen und Betreuer keine produktive Chance in der Fortsetzung bisheriger Maßnahmen mehr sahen und für die auch befriedigendere Alternativen nicht in Sicht waren. Die Kurse sollten, wie auch schon von anderen Maßnahme-Trägern versucht, in einem ungewohnten, aber gleichwohl stimulierenden, herausfordernden Umfeld stattfinden, ohne dabei das Risiko möglicher Überforderung der Jugendlichen einzugehen. Die Kosten sollten, von Spezialausrüstungen abgesehen (Zelte, Wohnwagen, Tauchgeräte, Boote), die geltenden Pflege-Sätze nicht übersteigen.Nach Maßgabe dieser Gesichtspunkte wurde für 2 Jungenkurse (6 bzw. 7 Jugendliche pro Kurs) ein Flußmündungsgebiet auf der Insel Korsika ausgewählt, für die Mädchengruppe ein Bauernhof in den Pyrenäen. Wie auch sonst in Heimen üblich, war das proportionale Verhältnis des pädagogischen Personals zu den Jugendlichen 1:2. Die„Erfahrungs-Phase“– die Jungen lebten in Zelten, die Mädchen in festem Haus bzw. Wohnwagen – dauerte 5 bzw. 7 Monate. An diese Zeit schloß sich eine„Integrationsphase“an, in der die Eingliederung in Lebensnormalität versucht wurde; sie betraf vor allem Wohnbedingungen, Arbeitsvermittlung und evtl. Schulabschlüsse; eine Zurückeinweisung in stationäre Einrichtungen sollte möglichst vermieden werden. Die„Erfahrungsphase“war, es läßt sich nicht leugnen, eine Art von kaschierter geschlossener Unterbringung: das kulturelle Umfeld war sprachlich fremd, die passablen Überlebenschancen außerhalb der Kleinst-Kolonie mußten den Jugendlichen gering erscheinen, die Wege nach Deutschland waren zu weit und zu aufwendig (dennoch haben 2 Mädchen den Weg von den Pyrenäen nach Amsterdam geschafft). Überdies versprach die dichte Betreuung über alle 24 Stunden des Tages hinweg durch die immer gleichen Bezugspersonen Sicherheit, Zuverlässigkeit, Beziehungsdichte. Außerdem war der Tagesablauf durch die materiellen Herausforderungen durchsichtig und überzeugend strukturiert: bei den Jungen auf Korsika durch Einrichtung eines gemeinsamen Wohnzeltes, Rodung von Macchia-Wildnis, Bau von Backofen und Herd, Versorgung der technischen Geräte (Boote und Tauchausrüstung), Hilfsarbeiten bei umliegenden Einheimischen zur Aufbesserung des Budgets; bei den Mädchen in den Pyrenäen durch die verabredete und existenznotwendige Mithilfe bei der Versorgung von Tieren, bei Schlachtung und Feldbestellung (nur stundenweise am |A3 16|Tag), durch sowohl materiell als auch symbolisch akzeptable Gestaltung der übrigen Zeit, in der Herstellung von Schmuck und Kleidung, für sich selbst und auch auf dem Markt präsentabel. Zudem sollte auch die weitere Perspektive nicht fehlen, das Fortkommen nach der Rückkehr; eine gewichtige Rolle spielte deshalb der Unterricht, zwar regelmäßig durchgeführt, in den Gegenständen aber sehr dicht an den Alltagserfahrungen im fremden Land orientiert.Die Erfolgsbilanz dieser drei Kurse, statistisch ohnehin unerheblich, ist schwer einzuschätzen. Die nackten Daten sind diese: Ein Drittel, also sechs Jugendliche, haben keinen dauerhaften Gewinn daraus ziehen können; ihre Karriere setzte sich fort als Gefängnisaufenthalt, psychiatrische Unterbringung, Trebe. Sieben Jugendliche leben in einer nicht prognostizierbaren Zwischen-Lage. Nur für fünf Jugendliche können wir sagen, daß sie, wenigstens für sich selbst, eine annehmbare und zuverlässige soziale Lokalisierung gefunden haben. Das war vorherzusehen. Derartige Erfahrungen liefern Argumente, oder wenigstens begründete Vermutungen, nach zwei Seiten hin: Ein naiver Optimismus im Hinblick auf den Erfolg derartiger Unternehmungen – auf Schiffen, in Kanada, Korsika, den Alpen oder anderswo – ist unangebracht; ein Dreivierteljahr auch intensivster Betreuung kann nicht zuverlässig gutmachen, was an diesen Jugendlichen 16 Jahre lang schlechtgemacht wurde; aber eine verläßliche Dokumentation, ein sorgfältiger Vergleich zwischen solchen Projekten wäre wohl weiterführend – wenn sie denn sorgfältig dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht und nicht nur als Erfolgsbericht stilisiert würden. Andererseits: Woher können wir denn wissen, daß die Erinnerung an ein solches halbes oder dreiviertel Jahr nicht viel später – auch für die, die nun gerade in Jugendstrafe festgehalten werden – noch eine Wirkung entfaltet, die in der empiristischen Effektivitäts-Kontrolle von Ausgangsbedingung, Treatment-Arrangement und Lernzielrealisierung gar nicht erfaßt werden kann? Für den, der sich pädagogisches Handeln nach den Regeln des Machbarkeits-Mythos vorstellt, ist das freilich unbefriedigend. Es gibt aber auch die pädagogische Maxime, nach der die erfüllte Gegenwart einer nur schwer kalkulierbaren Zukunft nicht aufgeopfert werden dürfe und also das Beurteilungskriterium nicht im künftigen Effekt, sondern in der befriedigend und sinnhaft erlebten Gegenwart liegt.
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3.[119:13]Die wissenschaftliche Begleitung hatte sich mit derartigen Problemen, vor allem aber mit der Dokumentation der Ereignisse zu befassen. Diese Dokumentation umfaßte mehr, als wir in diesem Buch zur Darstellungen bringen. Wenngleich wir aber die Materialerhebungen unter der, im Laufe des Projekts erst allmählich entstandenen, Frage nach den Möglichkeiten einer sozialpädagogisch-hermeneutischen Diagnose auswerten, bilden doch sämtliche Erhebungsschritte, alle Dokumentationsarten den Hintergrund unserer Erörterungen. Wir haben vor al|A3 17|lem die folgenden Erhebungs- bzw. Dokumentationssorten ins Spiel gebracht:
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–Mit allen Jugendlichen wurden drei intensive Gespräche („narrative Interviews“) geführt: eins zu Beginn des Projekts, ein weiteres am Höhepunkt des Kurses im Ausland, ein drittes während der Integrationsphase, mit Rückblick auf den Kurs und Vorblick auf die von den Jugendlichen erwartete Zukunft.
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–Uns waren die Akten der Jugendlichen zugänglich; diese enthielten sowohl die je familiäre und institutionelle Karriere als auch die Diagnosen, die von den verschiedenen Instanzen gestellt wurden.
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–Die Erzieher und Erzieherinnen haben – auf Korsika und in den Pyrenäen – wöchentliche Berichtsprotokolle auf Tonband gesprochen und uns zur Auswertung überlassen. Diese Protokolle enthalten Beschreibungen des Gesamtzustandes der Gruppe und der Umstände, Beziehungsprobleme und solche der Gruppendynamik, vor allem aber Einzelbeobachtungen zum Verhalten der Jugendlichen, zu ihren Gesprächen, Kontakten, Erzählungen, Tätigkeiten, Stärken und Schwächen.
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–Schließlich wurden Fotoserien angefertigt, zum Teil von der wissenschaftlichen Begleitung, zum Teil von den Jugendlichen selbst erstellt. Die wissenschaftliche Begleitung hat überdies einen Video- Film produziert, allerdings nur vom ersten der beiden Kurse auf Korsika.
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Alle diese Materialien waren nicht nur den Erziehern, sondern auch den Jugendlichen zugänglich. Diese aber haben von der Möglichkeit der Einblicknahme nur begrenzt Gebrauch gemacht. Man kann unsere Arbeit also, in älterer Terminologie, als sozialpädagogische Handlungsforschung bezeichnen. Wir bevorzugen den schlichteren Ausdruck„wissenschaftliche Begleitung“. Weder wissen wir, ob das Objekt unserer Erhebungen wirklich„Handlungen“waren oder nicht eher doch nur deren Deutungen; noch wissen wir, ob unsere wissenschaftliche Dokumentation das pädagogische Handeln wirklich hat verändern, gar verbessern können. Derartiges darf man vielleicht nur, wie in der Wissenschaft ohnehin der Regelfall, über viele Umwege und größere Zeitdistanzen hinweg erwarten. -
2. Sozialpädagogisch-hermeneutische Diagnosen
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–[119:17] Den Anfang, wenn wir recht sehen, machte die Rezeption des symbolischen Interaktionismus durch die Pädagogik (z. B. Mollenhauer 1972-A1, Thiersch 1973, 1977). Ein wesentliches Element dieser Theorie-Tradition war die Annahme, daß das, was ein Mensch aktuell ist, sich in seinen sozialen Etiketten ebenso zeigt wie in seinen Selbst-Entwürfen. Institutionelle Zuschreibungen,„Stigmatisierungen“– und dazu gehört auch das Vokabular der verschiedenen Varianten von„Diagnose“– gerieten so in den Verdacht, nur gleichsam die Hälfte der Wahrheit mitzuteilen.
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–[119:18] Will man diese Hypothese aufrechterhalten oder will man sie gar empirisch überprüfen, dann muß man sich methodische Operationen einfallen lassen, mit deren Hilfe das möglich ist. Die„Ethnomethodologie“hat das versucht (Garfinkel 1967, Cicourel 1975, Parmentier 1983), mit zum Teil verblüffenden Ergebnissen. Durch teils sehr trickreich angelegte Interviews und Feldexperimente wurde ge|A3 20|zeigt, wie stark die Zuschreibungen der öffentlichen, zumal der generalisierten verwissenschaftlichten Rede von dem abweichen, was Personen in wenig typisierten Situationen über ihr Selbst- und Weltverhältnis erzählen, ohne daß entschieden werden könnte, welches etwa die„wahre“Version sei.
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–[119:19] Diese Forschungsrichtung konnte sich bereits auf eine erkenntnistheoretisch und sozialphilosophisch interessierte Diskussion stützen (hier vor allem der wohl meistzitierte Alfred Schütz 1974), als Begründung für jene„ethnomethodologischen“Untersuchungen. Die Frage war hier, in welchen Dimensionen (z. B. Zeit, Raum, Sozialwelt) eine Person ihre lebenswichtigen Gewißheiten bestimmt, wie sie also ihre Lebenswelt konstituiert. Im Unterschied zu gegenwärtig nicht seltenem Sprachgebrauch bedeutet„Lebenswelt“hier nicht eine soziale Lage von Individuen – so als könnte man zu solchen Lagen, nach verschiedenen Gesichtspunkten geordnet, etwa materielle Disparitäten, Regionen, Ethnien usw. zählen –, sondern das erkenntnistheoretische Problem: wie kommen wir überhaupt zu subjektiven Gewißheiten, die auch bei peinlicher Selbstprüfung nicht in Zweifel gezogen werden können?
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–[119:20] Interaktionismus, Ethnomethodologie und Lebenswelt-Reflexion führten dann zum methodischen Konzept des„narrativen Interviews“, das heute im Rahmen der qualitativen Sozialforschung – als Konkurrenten gibt es auch das„nicht-strukturierte“, auch das„Tiefen“-Interview und andere Formen des Erkenntniszugangs für solche Probleme, die nicht vordringlich einer quantifizierenden Bearbeitung bedürfen – einen relativ sicheren Platz hat (Schütz 1974, Soeffner 1979). Es geht dabei um eine Gesprächsform, die, durch die Art der Gesprächsführung, den Probanden/Interviewpartner zu möglichst reichhaltigen Erzählungen (narrativ) über sich und seine Lebensumstände veranlassen soll und (dies ist allerdings nur einer von mehreren möglichen Zwecken bei einem solchen Interview) die auf diese Weise Einblick gewährt in das, was seine„Lebenswelt“konstituiert. Ist man theoretisch nicht allzu anspruchsvoll, kann man auch noch Gesprächsführungs-Vorschläge der Gesprächstherapie nach in den Umkreis dieser Bemühungen einbeziehen.
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–[119:21] Derartige Schritte der Wissenschaftsgeschichte, kräftig gefordert und teils sogar hervorgebracht durch Interessen der Praxis, schärften die Sensibilität für zwei„Kulturen“– wenn wir hier so abgekürzt reden dürfen: es gibt offenbar die Differenz zwischen der Kultur wissenschaftlicher Generalisierungen, öffentlicher Verwaltungen, diagnostischer Zuschreibungen u. a. und der Kultur individuell erzeugten Lebenssinns, persönlicher Gewißheiten, subjekt-bestimmter Kommunikation. Da nun einerseits das Verallgemeinert-Öffentliche auf die unzähligen Individuen, andererseits das Individuell-Private auf |A3 21|das Öffentlich-Allgemeine (schon durch die Sprache) angewiesen ist, nimmt es nicht wunder, wenn gleichzeitig das pädagogische Interesse an allem Autobiographischen stark anwuchs (z. B. Baacke/Schulze 1979, Jens/Thiersch 1987). Eine Autobiographie muß durch die Art ihrer Darstellung – wenn sie nicht zum Klischee einer öffentlich stilisierten Selbstrechtfertigung oder zum bloß subjektivistischen Ausdrucksverhalten verkümmern will – viele Balancen bewältigen: Wahrhaftigkeit der Selbstlokalisierung, historische und soziale Selbstdarstellung, Akzeptierbarkeit durch ein Lese-Publikum, Individualitäts-Behauptung usw..
Begriff und Begründung
| Einzelfall/Intervention | Regelverständnis/Wissenschaft |
| Merkmale | |
| Modelle
heuristisch Organisation affektlogisch mehr einfühlend zeitgleich verdichtend patientenspezifisch subjektive Realität pragmatisch nicht zwingend prädikativ |
Modelle
empirisch Organisation erkenntnislogisch mehr distanzierend zeitversetzt zergliedernd patientenübergreifend gemeinsame Realität systematisch zwingend prädikativ |
| Risiken | |
| allein affektives Erleben
Involvierung falsche Verallgemeinerung Komplexität hohe Stimmigkeit alleiniges Nachfühlen |
allein kognitives Erleben
Distanzierung falsche Individualisierung Atomismus fehlende Stimmigkeit alleiniges Nachdenken |
Zur Methode der hermeneutisch-diagnostischen Interpretation
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–[119:55] Es werden alle Äußerungen herausgehoben, die dem Interpreten bedeutsam scheinen, zumal solche, die nach Maßgabe der einen oder anderen Theorie wichtig sein könnten.
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–[119:56] Es werden, in einem zweiten Schritt, diese Äußerungen geordnet. Bei diesem Ordnungsversuch folgen wir einer riskanten Unterstel|A3 35|lung, nämlich daß es eine begrenzte Zahl von konflikthaltigen Themen gibt, um die herum die Äußerungen der Jugendlichen sich gruppieren lassen und die diese Äußerungen im Sinne eines strukturierten Zusammenhangs verständlich machen. Wir nennen sie„Lebensthemen“.
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–[119:57] Da es sich um eine„pädagogische“Diagnose handeln soll, versuchen wir schließlich, diese Themen auf Tätigkeiten oder Aufgaben zu beziehen, von denen angenommen werden kann, daß sie für den Jugendlichen, für die Bearbeitung seiner Probleme, seine Selbststabilisierung und Sozial-Lokalisierung hilfreich sind.
3. Zwei Fall-Diagnosen
Beispiel A
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1.[119:60] Über seine Mutter:„Sie hat mich nicht erzogen“,„kann sich nicht durchsetzen“.„Sie war arbeiten, und ich war halt den ganzen Tag alleine“.„Einmal habe ich zu ihr ’n Schimpfwort gesagt … Da hat sie mir eine geballert“.
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2.[119:61] Er habe„gemacht, was ich wollte“,„bin irgendwann nicht mehr zur Schule gegangen“,„hab angefangen zu klauen“.„Bei , da hab ich geklaut, und da haben sie mich erwischt, da war ich neun“.„Da haben sie mich mit der Polizei nach Hause gebracht.“Seine Mutter„stand an der Tür, hat se angefangen zu weinen … sie ist ziemlich wütend geworden“.
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3.[119:62] Er wollte nicht zur Schule gehen,„hab immer meine Sachen versteckt, Ranzen und so“;„zur Schule bin ich nie gerne gegangen“, seit der 3. Klasse, vor allem wegen einer Lehrerin,„die konnte mich nicht leiden, ich konnte sie nicht leiden“; ähnlich wie bei der schwierigen Beziehung zur Mutter:„Also das lag an mir und auch an ihr“.
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4.[119:63] Über die Großeltern:„Bei meinen Großeltern hab’ ich gewohnt eine Zeit“(im Alter zwischen einem und vier Jahren, und zwischen 6 und 7, und gerade jetzt wieder). Die waren„bißchen strenger. Haben mehr drauf geachtet, so auf Schule und so.“Von der Mutter ist er„immer abgehauen … Bei meiner Mutter konnt’ ich nicht leben“.
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5.[119:64]„Was mir gefehlt hat? Ja, so, mehr Zuspruch und so, also daß sich wer um mich gekümmert hat“.
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6.[119:65] Im Heim war das anders. Er erinnert sich noch an das Datum der Heimeinweisung:„19. Januar“, da war er 10 Jahre alt. Da hat ihm„eigentlich alles“besser gefallen:„Freunde … mehr Zuspruch, also mit Schule, was Schule betrifft, haben sich richtig gekümmert und so. Also – was anderes.“„Ich fand’s gut da“.
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7.[119:66] Auf die Frage, was er in seinem Leben immer gern gemacht habe:„Scheiße gebaut“.„Als ich so 7 war, da haben wir immer so dicke Steine … diese Feuersteine … zwischen die Schienen“gelegt,„kam ’n Zug mal vorbei, hat immer schön gescheppert … und einmal … Zug angehalten, kam der Typ da raus, der Lokführer … einfach hinterhergerannt“. –„Abhauen hab ich auch gern gemacht … auch im Heim … richtig weg … geschlafen in Baubuden … geklaut eben, in Geschäften … Ist schon mal lustig … keiner hat einem was gesagt … war ganz frei irgendwie“.„Haben wir in ’ne Zeitung gekackt, vor die Tür gelegt und angezündet; haben wir geklingelt und: Hilfe, Hilfe, es brennt! Kam er raus, schön im Bademantel und so ’ne Strandlatschen, und da draufgetreten“. –„In der Kiesgrube sind wir immer rumgeheizt … mit Karren, 80er Mofa“.„Im Unterricht hatten wir ’ne Flasche Wodka mit … ’n Kasten Bier … war’n wir besoffen im Unterricht“. An der Decke des Klassenraums konnte man eine Platte lösen, so in den Deckenraum hineinkommen und zu anderen Klassenräumen kriechen.„In der Pause, sind wir immer dringeblieben … haben die Klappe hochgemacht und haben was runtergeschmissen“(in den anderen Klassenraum). Und immer wieder Schule geschwänzt", auch im Heim hat„alles wieder angefangen“:„Kioskeinbrüche“,„Autos angesteckt“,„abgehauen“,„Trebe“,„Straftaten, also Kriminelles“.
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8.[119:67] Er hat Freunde, aber eigentlich nur„einen … oder mit zweien, kann man sagen. Mit zwei, drei hab’ ich viel gemacht.“Aber:„Cliquen kann ich nicht ab … keine richtige Clique, so versammeln, das kann ich nicht ab“.„Abgehauen“ist er immer mit zwei oder drei anderen (während der Heimunterbringung);„ich hab immer den Plan entwickelt“. Aber Chef sein,„sowas kann ich nicht ab“.„Am besten ist, wenn alle entscheiden … da einigt man sich“.„Im großen und ganzen“, meint A., sei er wie alle Jugendlichen, nicht irgendwie anders. Andererseits: Die anderen Jugendlichen seiner Heimgruppe, mit Ausnahme derer, mit denen er gelegentlich„auf Trebe“ging,„waren eigentlich gar nicht mehr wichtig“; aber sie hatten, wie er meint, auch nichts gegen ihn,„überhaupt nicht, wieso denn?“
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9.[119:68] Anders ist es mit den Erziehern, die wollten, daß er das Heim wieder verlassen sollte.„Eigentlich wollte ich noch dableiben; aber dann nicht mehr“.„Die (Erzieher) haben immer Zimmerdurchsuchungen gemacht bei mir“– (sozusagen eine nachträgliche Rache gegen Unbotmäßigkeit, für A unverstehbar, er fühlt sich fälschlich |A3 39|„beschuldigt“) – und dann folgt ein unverständlicher Satz, fast wie aus den Dokumenten :„… die ein’n kriegt, die hätt’ man gar nicht ganz machen können!“Jedenfalls: Die Erzieher„wollten nicht“, obwohl sie„könnten“.„Das (verständnisvoller auf ihn eingehen,. Für A sind Erwachsene nichts als„Zuspruch“) wollten sie irgendwie nicht, hab ich das Gefühl gehabt“„Aufpasser“, an die er auch keine Erwartungen hat;„Nö, kann man nicht sagen“. Aber:„Zuspruch … ja, doch, das schon!“Im Grunde könne er auf sich selbst aufpassen,„ich brauch’ keine anderen! … Also ich könnte jetzt auch ganz gut alleine leben!“
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10.[119:69] Auf die Frage, wo er am liebsten leben, wohnen möchte, antwortet er ganz entschieden – die Eindeutigkeit übertrifft alles, was er bisher erzählt hat:„Im Ausland natürlich … in Bulgarien!“Und zwar:„Weil: meine Großeltern, mein Opa ist Bulgare“. In Bulgarien ist alles anders, außerdem wird er, wie er sagt, dort das Haus seines Großvaters erben.„Das Haus! Also das Landleben, also das find’ ich dann gut … so ganz anders. So unter den Leuten einfach mehr Freiheiten … Die lassen ja ihre Türen offen in der Nacht … die haben da Vertrauen“; es ist nicht wie bei uns –„so Hausordnungen und sowas. Das ist bekloppt“– wo,„wenn man da die Türen offen läßt, muß man Angst haben, daß morgen alles ausgeräumt ist!“
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11.[119:70] Das Interesse am„Landleben“wird von A präzisiert:„Landwirtschaft … nee, das nicht, so mit Acker und so, das nicht“. Aber:„Berge und so“, aber auch arbeiten,„muß ich ja“, und„doch, Tiere ja, klar! … Lämmer, Schafe … Ziegen – das geht alles“. Näher aber scheint ihm doch Technisches zu liegen. Am liebsten würde er in Bulgarien„irgendwas so, vielleicht irgendwas mit Technik, im technischen Bereich so … also so Kfz’s, so, von Motorrädern hab ich’n bißchen Ahnung, aber Autos eigentlich nicht so; aber: kann man ja lernen“.
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12.[119:71] Nachdem A im Heim nicht mehr, wegen„Kriminalsachen“, wie er sagt, geduldet wurde, kam er in eine andere Einrichtung (Jugendhilfsstätte), und gleich muß (!?) er wieder„abhauen“:„In der Nacht aus dem Fenster geseilt! Mit’m Freund; also Bettlaken zusammengebunden und an’ne Heizung und dann raus! … Erst waren wir in ’ner Discothek … bei Pit waren wir auch, dann waren wir bei ’n paar Freunden, da haben wir geschlafen – sind wir anderen Tag wiedergekommen“. Ein andermal„haben wir in’ner Hütte geschlafen … haben sie uns geschnappt, da … abends mal um zwölf geschnappt“.
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13.[119:72] Schließlich – die„Jugendhilfsstätte“blieb eine Episode – kommt A in eine Pflegestelle:„Dann bin ich zu X gekommen … das ist der angebliche Pflegevater“. Schon der Ort mißfiel ihm:„das war’n |A3 40|Nest … konnte man noch nicht mal ’ne Kuh oder ’n Schwein auf der Straße sehen … war nix los da“. Der Pflegevater war unglücklicherweise Lehrer, das„war überhaupt nicht gut“,„der hat immer nur, meistens von Schule gequatscht!“Zur Schule sei er gegangen,„doch, ich bin hingegangen, zweimal … dann hat’s mir gereicht … dann bin ich abgehauen … bin gleich zu meinen Großeltern gefahren … und seitdem bin ich da“. Aber er will auch bei denen nicht bleiben,„auf gar keinen Fall“. Es gibt„Konflikte immer so … Spannungen … ich halt’ mich auch die ganze Zeit im Zimmer auf … Wenn ich aus der Schule (!) komme, nehm ich mir mein Essen, geh ins Zimmer, bleib ich den ganzen Abend da. Guck auch kein Fernsehen, nix! Ganze Zeit Musik, paar Freunde kommen … von vier bis acht, und dann hör’ ich ganze Zeit Musik“.„Ich bin meistens allein“; und – in zunächst merkwürdigem Kontrast zu allem Vorhergehenden:„Wenn ich Freunde habe, also – ich kann das nicht ab, dieses dumme Gequatsche immer, die reden dann immer so!“Bei den Großeltern will er also nicht bleiben, gern aber würde er wieder in ein Heim gehen. Außerdem steht er gegenwärtig unter Druck: im Augenblick will er nicht„abhauen“, denn:„ich hab ja jetzt 2 Wochen Knast gekriegt.“
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14.[119:73] Am liebsten ginge er in das Heim in F., er hat dort einen,„mit dem war ich gut befreundet … In der Schule haben wir viel Scheiße gebaut, mit dem bin ich auch abgehauen immer … ’n guter Freund, ’n sehr guter Freund“. Das ist ihm sehr wichtig,„natürlich, das sowieso“. Aber genau diese„Freundschaften“werden vom Jugendamt mißbilligt, deshalb soll er nicht nach F.,„angeblich wären da zu schwere Jungs!“Ihm macht das nichts aus, sagt er, auch nicht, daß ihm nun zwei Wochen Jugendarrest bevorstehen:„… das auf gar keinen Fall! Das, das juckt mich nicht!“(Man mag es ihm kaum glauben.)
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15.[119:74] Schwierig aber, das räumt er ein, könnte es –„wegen polizeiliches Führungszeugnis! Das sieht nicht so gut aus!“– mit seinem Wunsch werden, nach Bulgarien, in das Haus seines Großvaters, zu gehen. Daran hängt dann auch noch mehr, z. B.„also erstmal Berufsausbildung“,„Schule“,„keine kriminellen Sachen mehr“. Dies sind die Erwartungen der„Erwachsenen“, die er gelten läßt, nolens volens.
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16.[119:75] Über seine Phantasien vom„Landleben“in Bulgarien hinaus, offenbar eine moderne Variante vom Schlaraffenland, hat er Schwierigkeiten, präzisere Berufswünsche zu formulieren:„Also erstmal liegt’s daran, weil ich faul bin, ziemlich faul … Aber dann, also so Sachen, so mit Holz, Metall und sowas, das liegt mir nicht so! Am liebsten würd’ ich was mit Reisen machen, immer reisen … Lokführer … das einzige, was man mit Hauptschulabschluß machen |A3 41|kann … darum ja auch so der Kfz-Mechaniker; jedenfalls Reisen“.„Genau! … Reisen fand ich schon immer gut … immer unterwegs am besten … aber nicht so gehen, wandern, so langsam nicht. Wandern mach ich nicht so gerne … Schwimmen mach ich überhaupt nicht gerne“.
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17.[119:76] Auf die Frage nach drei Wünschen, den wichtigsten, die er hätte, sagt A:„Also Bulgarien, und alles was dazu gehört, also Beruf und so“. Dann (zweiter Wunsch)„Gesundheit und so, daß alles in Ordnung ist“. Und„als drittes, ja, daß hier in Deutschland … alles wieder in Ordnung kommt, mit Arbeit und so, Ausländerproblem … also daß die mehr Rücksicht auf die nehmen, nicht auf mich, auf die Ausländer! … Ich kenn’ viele Türken!“
-
1.[119:78] Alles, was A erzählt, hat einen Beziehungshintergrund, wie ein Basso continuo. Diese„Baß-Figur“(um in der musikalischen Metapher zu bleiben) beschränkt sich, wie in der Musik auch, auf einfachste Information:„Zuspruch“, mal mehr, meist zu wenig;„um mich kümmern“; Erwachsene seien„Aufpasser“; deshalb entschließt er sich immer wieder zum„Abhauen“. Einerseits vermißt er soziale Beziehungen, in denen er akzeptiert und gestärkt wird; andererseits hat er auch immer dann Schwierigkeiten, wenn diese Art von„Zuspruch“, des„Sich-um-ihn-Kümmerns“formellere oder gar institutionalisierte Formen annimmt. Das gilt nicht nur für seine Beziehungen zu Mutter, Pflegevater, Erziehern und anderen Erwachsenen, sondern auch für Gleichaltrige. Nur zu ganz wenigen hält er vertrauten Kontakt („Ich bin meistens allein“).„Cliquen“mag er nicht; die sind ihm schon zu formell. Nur auf gleichsam zwanglose Formen von Verständigung und Einverständnis mag er sich einlassen. Er ist andererseits realistisch genug, formellere Settings für seine nähere Zukunft nicht auszuschließen:„Schule“,„Berufsausbildung“; also keine„kriminellen Sachen“mehr, die ja immer in der Zwischenzone zwischen seinem Bedürfnis nach„Zuspruch“und der Abwehr von Verbindlichkeiten liegen, in den Phasen, in denen er„abhaut“und dabei (wiederum) die zuverlässige Kumpanei von anderen sucht. Man mag dieses Lebensthema also„Geborgenheit in dichter sozialer Beziehung versus Vagabundenleben“nennen.
-
2.[119:79] Das„Vagabundieren“scheint überhaupt für ihn im Mittelpunkt zu stehen. Unter vorindustriellen, vormodernen Sozialverhältnissen wäre er vermutlich überhaupt nicht auffällig, kein Objekt besonderer pädagogischer Sorge (jahrelanges Vagabundieren war für viele Jugendliche des 15. bis 18. Jahrhunderts normal). Seine„Kriminalität“hält sich offenbar in bescheidenen Grenzen, auch wenn Jugendge|A3 42|richte das anders bewerten müssen. Seine Berichte über die vielen Zwischenphasen, in denen er auf„Trebe“war, sind lebendig und farbig, hören sich lustvoll an. Er will sich nicht bereichern, er will leben, wie Nomaden es tun.„Aufpasser“haben da für ihn keinen Lebenssinn, können nur vorübergehend akzeptiert werden, um dem Überlebenszwang in der modernen Gesellschaft Genüge zu tun. Im Grunde kann er„ganz gut alleine leben“,„ganz frei irgendwie“, wenn nur der„Zuspruch“nicht fehlt – wie zu Beginn des 16. Jahrhunderts, der zwischen seinem 12. und 19. Lebensjahr in Mitteleuropa herumvagabundierte und dabei die Sehnsucht nach„Zuspruch“, nach seiner Heimat und seiner Mutter, nicht verlor. Also ist sein Thema eine archaische Form des Reisens. Das eher Bodenständige, Beharrende liegt ihm nicht: Landleben ja, aber kein Ackerbau, kein Holz, kein Metall; statt dessen„immer reisen“, und der ideale Kompromiß zwischen archaisch-ursprünglichem Begehren und moderner Realitätserwartung ist,„was man mit Hauptschulabschluß machen kann“:„Lokführer“! Aber man ahnt schon, daß in diesem Berufswunsch ein romantischer Überschuß steckt, daß der Kompromiß zwischen Begehren und Realität brüchig ist, jedenfalls vorerst. Dennoch ist die Treffsicherheit, mit der A diesen Ausgleich ins Auge faßt, verblüffend: angesichts möglicher Alternativen, z. B. Matrose oder Reiseleiter oder Fernfahrer oder Vertreter etc. ist der„Lokführer“eine ziemlich passende Symbolisierung seiner nomadischen Wunschkonstellation: rasch von Ort zu Ort, in der Lokomotive allein, mit gesichertem„Zuspruch“durch den einen Arbeitskumpel, statt eines„Chefs“nur den Anpfiff zum Weiterfahren, nachts in immer anderen Hotels usw. – dies ist freilich nur A’s Phantasie, mit realistischen Einsprengseln, nicht die alltägliche Wirklichkeit des Lokführers. Aber diese Phantasie und ihre Repräsentation bekräftigt sein Lebensthema: Nomade sein dürfen.
-
3.[119:80] Neben den Beziehungsproblemen und den„Trebe“-Berichten (samt Kleinkriminalität) gewinnt ein drittes Thema unter dem Stichwort„Bulgarien“Kontur.„Bulgarien“ist wie das Code-Wort für ein Problem – und eine Problemlösungs-Bündelung. Durch den bulgarischen Großvater sichert es„Zuspruch“und zugleich, durch die zu erwartende Hauserbschaft, materielle minimale Sicherheit.„Landleben in Bulgarien“ist für ihn aber nicht die Idylle kleinräumiger Seßhaftigkeit, sondern eher freie Bewegung,„Berge und so … Tiere … Lämmer, Schafe … Ziegen“, keine„Hausordnungen“, offene Türen – und dies alles emotional gegründet in„Bulgarien“und„Landleben“scheinen für ihn also zweierlei zu verbinden, zu integrieren: Der Zug in die Fremde und die Zuverlässigkeit naher Beziehungen. Seine Sympathie für Ausländer repräsentiert im Kern kein politisches oder verwandtschaftliches (über den Großvater) Motiv, sondern eines der seelischen Wirklichkeit: Identi|A3 43|fikation mit dem Leben in der Fremde mit Reiz und Risiko eines solchen Lebens. Dies scheint das dominierende Thema zu sein; es erlaubt A, seine anderen Themen, Motive und Erfahrungen aufzuheben, als reale Möglichkeiten in die Zukunft zu projizieren.
Beispiel B
3 Jahre alt: Umzug der Familie in die Großstadt Y,
6 Jahre alt: Vorschulkindergarten ca. 10 Jahre alt: Asthma-Diagnose; Vater arbeitslos
ca. 12 Jahre alt: Heimeinweisung. Zu Hause
Asthma bessert sich, aber ab und zu noch Atemnot
12 – 15 Jahre: Immer Ärger mit den Lehrern
|A3 45|ca. 15 Jahre: Sonderschulabschluß
16 Jahre: Berufsgrundbildungsjahr Holz- und Bautechnik
Häufiges Fehlen in der Schule
Heimwechsel
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1.[119:85] Die Erzieher nerven ihn.
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2.[119:86] Mit Erwachsenen hat er Probleme, unbestimmten„Ärger“.
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3.[119:87] Der Vater ist„groß“,„Schlägertyp“,„Ärger“zu Hause.
-
4.[119:88]„faul geworden“, weil …
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5.[119:89] Dem Vater war’s egal
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6.[119:90] Der Vater ist häufig„weggegangen“
-
7.[119:91] Früher fand ich ihn gut, heute nicht mehr
-
8.[119:92] Er war groß, LKW-Fahrer …„was ich auch gern wollte“
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9.[119:93] Später: kein LKW mehr gefahren … nur noch zu Hause (arbeitslos) gewesen
-
10.[119:94] Alkohol war im Spiel
-
11.[119:95]„Ärger“mit Schwester
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12.[119:96]„fast gar kein Verhältnis mehr“zu ihr
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13.[119:97] Vorschullehrerin„bekloppt“
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14.[119:98]„bekloppter Lehrer“, ein„großer dicker“, der„immer nur recht hat“
-
15.[119:99] ein neuer Lehrer,„der ist dick“, hat mir welche„geballert“
-
16.[119:100] Erzieher sollten„richtig durchgreifen“
-
17.[119:101] Ärger mit dem Erzieher
-
18.[119:102] Unsicherheit in der Selbstbeschreibung seiner Situation in Gruppe/Heim
-
19.[119:103] Schule, Mathe: immer ganz gut, immer voraus
-
20.[119:104] Holz macht mir Spaß (Chemie)
-
21.[119:105] Flugzeug Panzer Einzelkämpfer
-
22.[119:106] Essen, Schlafen, Basteln, Holzarbeiten, Joggen, Karate, Schießen
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23.[119:107] keine Freunde
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24.[119:108]„rauhe Typen“, die„nerven mich“,„geben nur an“
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25.[119:109] dto.,„provoziert werden“
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26.[119:110] würde niemanden vermissen, höchstens„Frau W.“
-
27.[119:111] LKW-Fahrer als Berufswunsch.„Mein Vater hat gesagt …“
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28.[119:112] Sinn des Führerscheins:„wegzukommen“
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29.[119:113] Vater:„Stärke und so … habe ich alles von meinem Vater“,„aber sonst das meiste von meiner Mutter“
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30.[119:114]„lange Strecken“(mit LKW reizen ihn)
-
31.[119:115]„Tja, das hab ich alles von meinem Vater“.
-
32.[119:116] LKWs, Flugzeuge …„kann ich drauf“, Doppeldecker„sind mir viel zu langsam“
-
33.[119:117] Wanderungen nicht so gern, aber„Überlebenstraining“,„Einzelkämpferausbildung“
-
34.[119:118] Gewichtheben
-
35.[119:119] warum Korsika?„mal was anderes“,„Ausland“
-
36.[119:120]„Kannst ja nicht immer auf’m alten Stuhl da sitzen bleiben“
- |A3 46|
-
37.[119:121]„Ich wollt nicht nochmal anfangen mit Schlägertypen wie mein Vater“
-
38.[119:122] Was stellst Du Dir vor?:„Irgendwo da, wo’s ruhig ist“
-
39.[119:123] Mit Geld„da hab ich so’n bißchen meine Schwierigkeiten“
-
40.[119:124] Drei Wünsche: Alles von vorne, kein Asthma,„Eigenes Haus … wo’s ruhig ist“
-
41.[119:125] Was für’n Gefühl hast Du (jetzt am Ende des Interviews)?„Keins“.
-
–[119:127] Es bedarf keiner professionellen psychologischen Kenntnis, um das Thema„Vater“zu identifizieren. Immer wieder kehrt B auf diese Erlebnis-Figur zurück. Immer wieder wird sie widersprüchlich charakterisiert: als bewundert und abgelehnt, als Vorbild und Abschreckung, als anziehend und abstoßend, als strukturierend und chaotisierend.
-
–[119:128] Es gibt immer wieder Ärger mit Erwachsenen. Sie sind gelegentlich„bekloppt“, gelegentlich wollen sie„immer nur recht“haben, manchmal sind sie zu stark, manchmal zu schwach;„klein“und„dick“, aber zugleich„durchgreifend“scheint am ehesten akzeptabel zu sein; d. h.: in der Körperdimension überraschend und in der dazu scheinbar gar nicht passenden„Geist“-Dimension ebenso. Der akzeptable Erwachsene muß also offenbar aus derartigen Widersprüchen gemacht sein.
-
–[119:129] Beständig hat B„Ärger“in Beziehungskonstellationen, die er aber nicht genau beschreibt. Zumeist handelt es sich um körperliche Auseinandersetzungen. Die einzige, wenn auch äußerst knappe Beschreibung einer Interaktion mit Folge und Veränderung ist rein spiegelbildlich (symmetrisch) konstruiert:„Zu Hause, da hatten alle Angst vor mir … dann im Heim … gings mir selber so“. Ein reines Reiz-Reaktions-Schema, ohne das, was in der Literatur„Perspektiven-Übernahme“oder„Empathie“heißt.
-
–[119:130] B interessiert sich für LKW-Fahren, Flugzeuge, Joggen, Panzer; für alles, was schnell ist, womit man woanders hin kommt. Das„Langsame“schätzt er, so scheint es, weniger („kleine Dicke“, die zugleich fix im Geist sind, verblüffen ihn). Auch„Wanderungen“sind ihm zu gemächlich; man kommt dabei nicht weit genug. Alles, was dauert, was seine Zeit braucht, wofür Geduld erforderlich ist, bereitet ihm Beklommenheit (Asthma!). Er will von allem„weg“. Wohin, das weiß er nicht. Nur:„Kannst ja nicht immer auf’m alten Stuhl da sitzen bleiben“(Nr. 36).
-
–[119:131] Zu diesem starken Bewegungsimpuls steht scheinbar im Widerspruch das Bedürfnis nach Ruhe, nach statischer Kraft, nach dem er|A3 47|füllten Augenblick.„Schlägertypen“„wie mein Vater“mag er nicht, aber er will Karate lernen (die Überlegenheit aus dem Stand!). Er wünscht sich Lebenssituationen,„wo es ruhig ist“, wo nicht beständig Gegenwart auf Zukunft bezogen werden muß (mit Geld„da hab ich … Schwierigkeiten“). Er wünscht sich Situationen, in denen keine Frustrations-Toleranz nötig wäre. Ihm mißfallen die„deferred-gratification-patterns“unserer Kultur. Zyklische Situationen liegen ihm näher als lineare (sein erster von drei fiktiven Wünschen ist:„Alles nochmal!“). Seine Antizipationen sind deshalb abstrakt: wegkommen,„was anderes“,„Ausland“,„schießen“. Konkret ist das Zirkuläre: Prügeln und geprügelt werden, groß und klein, der Einzelkämpfer, stärker oder besser sein.
-
–[119:132] Am Ende des Interviews sagt B auf die Frage, was für ein Gefühl er nun habe:„Keins“. Das steht zum Vorhergegangenen nicht im Widerspruch. Alle seine Äußerungen erscheinen eigentümlich emotionslos, so als sei für Gefühle kein rechter Platz. Er hat offenbar keine Freunde, auch würde er, bei längerer Abwesenheit oder Trennung von seiner Gruppe, niemanden vermissen, höchstens„Frau W.“. Auch sein Vokabular enthält kaum emotionelle Töne, bis auf das Bedürfnis,„wegzukommen“und„Ruhe zu haben“. Das läuft auf so etwas wie Interaktionsvermeidung einerseits und auf die Erwartung gleichsam technischen Interaktionsmanagements andererseits hinaus.
-
1.
-
1.
-
–
4.Übersicht über die Diagnosen, Vergleich und Beurteilung
4.Übersicht über die Diagnosen, Vergleich und Beurteilung
-
–
| 18 Jugendliche mit je zugeordneten diagnostisch ermittelten Lebensthemen (A - M männlich, N - S weiblich) | |
| A |
Geborgenheit in dichter sozialer Beziehung versus
Vagabundenleben
2.
archaische Form des Reisens
3.
Reiz und Risiko des Lebens in der Fremde
|
| B |
Ambivalenz von Bezugspersonen, die durch die Vater-Erfahrung
geprägt ist. Gegensätze in einer Person vereint
2.
egozentrische Körperthematik, die eher auf Energie und
Bewegung als auf Beziehungs-Figurationen hin orientiert ist.
Interesse an Leistung durch Einsatz gegenständlich gerichteter
Kraft
3.
Bedürfnis nach einer
»solipsistischen
Oase« , nach Ruhe und Geborgenheit, ohne Konfrontation mit
Erwartungen. Zyklisches statt Lineares |
| C |
abstraktes Selbst- und Weltverhältnis, Selbstbeurteilung und
Einschätzung anderer nach Maßgabe von Klassifikationen, Wunsch
nach sozialen Etiketten (Zugehörigkeit)
2.
»nicht tragbar sein«
Wo ist das Ich zwischen Computer- und Feuerspielen?
»Leibferne Sinnleere«
|
| D |
Was ist mein, was ist dein, was ist unser? Wunsch nach einem
vertrauten Partner und Angst vor Konkurrenz und
2.
»Selbstverlust«
Für sich und bei sich sein, Suche nach einem Bereich der
Selbstfindung und Abgrenzung
3.
Selbst- und Fremdbestimmung. Was mit der Zeit tun, planen oder
vergehen lassen?
4.
Tätigkeitsdrang und Ruhebedürfnis. Wie kann ich mir
Situationen schaffen, die eine Balance zwischen Ruhe und
Anspannung ermöglichen?
|
| E |
Schwierigkeiten mit
2.
»Müttern« und das Thema
Essen (
»Zu Hause gab’s nur Suppe« )Die schwierige Balance zwischen aggressiven Impulsen und deren
Folgen
3.
Käuflichkeit sozialer Kontakte
4.
»Binnenschiffer« , Wunsch nach einer
Quasi-Familie mit dichter Arbeitskooperation und
»Auslauf« -Möglichkeiten |
| F |
Schwierigkeiten mit Zukunft und Vergangenheit (Erinnern und
Planen)
2.
Anpassungsprobleme an komplexe Sachverhalte und soziale
Strukturen mit hohen kommunikativen Anforderungen und Wunsch
nach einem Ort der Ruhe (solipsistische Oase)
3.
Schwierigkeit, einen sinnhaften Bezug zwischen Leib und Dingen
herzustellen (
4.
»Leibferne« )Interesse an Leistung durch gegenständlich gerichtete Kraft
und Überwindung von Widerständen, dabei Unterstützung durch
männliche Bezugsperson
|
| G |
Ärger mit Vater und
2.
»Chefs« , Wunsch nach
Anerkennung aufgrund individueller Qualitäten und gemeinsamer
Interessen versus Anerkennung über formale Referenzen, abstrakte
Leistungen und Erwartungen»Reiseverkehrskaufmann« , Wunsch nach einer
Tätigkeit, die selbst und anderen Genuß bereitet. Suche nach
einem Kompromiß zwischen abstrakt-formalem Äquivalententausch
und gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Engagement |
| H |
Unsicherheit in Gruppen und Wunsch,
2.
»Koch zu
sein, eine eigene Küche zu haben« , Wunsch nach einem
Zuhause, Schutz vor Konkurrenzkämpfen, Irritationen, Suche nach
einem eigenständigen Bereich der SelbstfindungDiskrepanz zwischen Begehren und Realität, Wunsch nach einem
3.
»Konzept vermittelter Botschaften«
zwischen eigenem Selbstbild und dem, das sich die anderen
machenSoziale
»Für-oder-gegen-Alternative«
(schwarz-weiß) |
| I |
Das Ich zwischen Gegensätzen (Vater und Mutter) und seine
Lokalisierung in einer Art Mittelfeld
2.
Vermeidung von Situationen, die aufgrund eindeutiger
Selbstlokalisierung in eine
3.
»emotionale
Sackgasse« führen könnten: Spielverderber statt
SpielverliererSich im Überwinden von Widerständen verwirklichen
|
| K |
»Ich brauch dich nicht« , aber
»hilf mir«
Keinen Standpunkt finden können zwischen
3.
»Möglichem« und
»Wirklichem« , zwischen
Eigenem (
»Ich« ) und Anderem (
»Du« )Sich selbst nicht spüren können, keine verträglichen Formen
des Sich-Spürens
4.
Wunsch nach vertrautem, zuverlässigem Setting mit geregeltem
Tauschverhältnis (Lohn gegen Arbeit)
|
| L |
Vertrautes zuverlässiges Setting mit distanziert-sachlichen
Beteiligungsformen
2.
»Selbstverwirklichung« durch den Einsatz
von Körperkraft gegen WiderständeWie kann ich denn überhaupt wissen, wer ich bin?
|
| M |
Suche nach einer
2.
»Pflege« -FamilieAffekt und Distanz, pendelt in Beziehungen zwischen
distanzlosen, unvermittelten (Affekt-)Handlungen und
unvermittelbarer Distanziertheit
3.
Ständige Aktivität aus Angst vor Depression
|
| N |
Suche nach einem
2.
»Zuhause« , nach
Zugehörigkeit: Grenzgänger seinMan muß sich durchs Leben schlagen – oder man wird
geschlagen
3.
Schwierigkeiten mit allem, was weiblich ist
|
| O |
Unsicherheit in bezug auf Verläßlichkeit von
Beziehungen
2.
Wunsch nach Dominanz und Körperbeherrschung
3.
Anerkennung/Bestätigung durch männliche Bezugspersonen und
durch eher männlich besetzte Tätigkeiten
|
| P |
Selbstbeweis durch Körperkraft in sozialen Beziehungen
2.
Schwierigkeiten mit der Balance von sozialer Nähe und
Distanz
3.
Suchen nach selbstgesetzten Standards/Zielen
4.
Suche nach dichter sozialer Beziehung und Angst vorm
Alleinsein
|
| Q |
Heimatlosigkeit und Wunsch nach vertrautem/verbindlichem
sozialen Rahmen
2.
Ablehnende Mütter, Wunschbild einer Mutter/Entwickeln eines
realistischen Mutterbildes
3.
Besinnen auf eigene Lebenserfahrungen und Suche nach
sinnstiftenden Tätigkeiten
4.
Bewältigung eigener Leiderfahrungen durch das
Sich-Wiederfinden in Märchenfiguren und Glaube an positive
Lebenswendungen
|
| R |
Diskriminierung (Hautfarbe) versus Anerkennung, Suche nach
Tätigkeiten, die die eigene Besonderheit herausstellen
2.
Suche nach zuverlässiger Geborgenheit mit zugleich großen
Freiheitsspielräumen
3.
Rivalitätskampf um Zuneigung und Zugehörigkeit
|
| S |
Konflikt mit der Mutter und Folgen für die Balance zwischen
Eigen- und Fremdinteressen
2.
Differenz zwischen Wunsch und Realität
3.
Schwierigkeiten,
»bei sich« zu sein und
damit verträgliche Ausdrucksformen zu finden. Suche nach
Schutz |
| Differenzierende Kategorie | Thema |
| 1. Körperkoordination; Feinmotorik; Leibversorgung; Spürenserfahrung |
»Verlorenheit im Raum« , Schwierigkeit, eine
Balance zu finden zwischen seinem Ich, seinem unbewußten
seelischen Impulsen und diese mit seinem Leib und der dinglichen
Welt zu koordinieren (M)Unsicherheit in Gruppen und Wunsch,
3.
»Koch zu
sein« ,
»eine eigene Küche zu haben« ,
Schutz vor Konkurrenzkämpfen und Irritationen (H)Schwierigkeiten mit
4.
»Müttern« und das Thema
Essen (
»Zu Hause gab’s nur Suppe« )Sich selbst nicht spüren können, keine verträglichen Formen
des Sich-Spürens (K)
5.
Ablehnende Mutter, Wunschbild von Müttern/Entwickeln eines
realistischen Mutterbildes (Q)
6.
Tätigkeitsdrang und Ruhebedürfnis. Wie kann ich mir
Situationen schaffen, die eine Balance zwischen Ruhe und
Anspannung ermöglichen? (D)
7.
»Sich spüren« durch Bewältigung situativer
Herausforderungen (C)Schwierigkeiten mit ø eigenen Leib, Fein- und Grobmotorik, Koordination im
Auge-Hand und Auge-Bein-Feld (E/A)
9.
von Müttern im Stich gelassen werden; Angst, nicht regelmäßig
mit Nahrung versorgt zu werden (A)
10.
soziale Beziehungen mit zwanglosen Formen der Verständigung
und mit Vertrauen auf zuverlässige Versorgung mit Essen (A)
|
| 2. Umgang mit Dingen; instrumentell vermittelter Bezug zwischen Leib und Welt; Stärke beweisen |
Schwierigkeiten, einen sinnhaften Bezug zwischen Leib und
Dingen herzustellen (F)
12.
Sich im Überwinden von Widerständen verwirklichen (I)
13.
Selbstverwirklichung durch den Einsatz von Körperkraft gegen
Widerstände (L)
14.
egozentrische Körperthematik, die eher auf Energie und
Bewegung als auf Beziehungs-Figurationen hin orientiert ist.
Interesse an Leistung durch Einsatz gegenständlich gerichteter
Kraft (B)
15.
Wo ist das
16.
»Ich« zwischen Computer und
Feuerspiel, leibferne Sinnleere (C)Interesse an Leistung durch gegenständlich gerichtete Kraft
und Überwindung von Widerständen, dabei Unterstützung von
männlicher Bezugsperson (F)
17.
Anerkennung/Bestätigung von männlichen Bezugspersonen durch
eher männlich besetzte Tätigkeiten (O)
18.
Diskriminiertwerden versus Anerkennung, Suche nach
Tätigkeiten, die die eigene Besonderheit herausstellen (R)
19.
Wunsch, eigene Stärke zu entdecken durch Bewältigung
situativer Herausforderungen, sich messen am Erreichen von
selbstgesteckten Zielen (P)
20.
Unterlegenheit – Überlegenheit in sozialen Beziehungen, sich
selbst beweisen durch Körpergewalt (P)
21.
Angst vor Unterlegenheit, Wunsch nach Dominanz und Stärke
beweisen in sozialen Beziehungen (O)
22.
Wunsch nach dynamischen Bewegungen und dazu im Widerspruch
stehender Ausdruck von statischer Kraft. Unsicherheit in
männlicher Körperthematik, die durch die Vatererfahrung geprägt
ist (B)
23.
eigene Stärke entdecken durch Überwinden von Widerständen (G)
außerdem: Nr. 7, 4
|
| Differenzierende Kategorie | |
| 1. Verständigung, Abstimmen wechselseitiger Erwartungen; Aushandeln von Umgangsregeln; Überlegenheit/Unterlegenheit in sozialen Beziehungen Körperkoordination; Feinmotorik; Leibversorgung; Spürenserfahrung |
Ärger mit dem Stiefvater und
25.
»Chefs« ,
Wunsch nach Anerkennung aufgrund individueller Qualitäten und
gemeinsamer Interessen versus Anerkennung über formale
Referenzen, abstrakte Leistungen und Erwartungen (G)»Reiseverkehrskaufmann« , Wunsch nach einer
Tätigkeit, die selbst und anderen Genuß bereitet. Suche nach
einem Kompromiß zwischen abstrakt-formalem Äquivalententausch
und gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Engagement (G)Affekt und Distanz. Hin und Her zwischen distanzlosen,
unvermittelten Handlungen und unvermittelbarer Distanziertheit
(M)
27.
»Ich brauch dich nicht« , aber
»hilf mir« (K)Keinen Standpunkt finden können zwischen
29.
»Eigenem« (Ich) und
»Anderem« (Du),
zwischen
»Möglichem« und
»Wirklichem« (K)Käuflichkeit sozialer Beziehungen (E)
30.
Wunsch nach vertrautem und zuverlässigem Setting mit
geregelten Tauschverhältnissen (Arbeit gegen Lohn) (K)
31.
Niedergeschlagenheit und aggressive Momente in sozialen
Beziehungen als Ausdruck für eine emotionale Hin- und
Hergerissenheit zwischen Nähe und Distanz (P)
32.
Abhängigkeit von der Entscheidung anderer (R)
33.
Schlagen und geschlagen werden – Autoritätsverhältnisse (N)
34.
Ungelöster und mit Gewalt ausgetragener Konflikt zwischen
Eigen- und Fremdinteressen in der Beziehung zur Mutter (S)
35.
Schwierigkeiten, in Beziehungen mit Männern ein verträgliches
Verhältnis von Nähe und Distanz zu bestimmen, Macht- und
Ohnmachtgefühle in Liebesbeziehungen (O)
außerdem: Nr. 20, 21, 17, 10
|
| 2. Vertrauen, Verläßlichkeit |
Von den Müttern im Stich gelassen zu werden (H)
37.
Suche nach einer Pflegefamilie (M)
38.
»Binnenschiffer« , Wunsch nach einer
Quasi-Familie mit dichter Arbeitskooperation und
»Auslauf« -Möglichkeit (E)Was ist mein, was ist dein, was ist unser? Wunsch nach einem
vertrauten Partner und Angst vor Konkurrenz und
40.
»Selbstverlust« (D)Unsicherheit bezüglich der Vertrautheit und Verläßlichkeit in
Beziehungen, Wunsch nach verläßlichen Freundschaften verbunden
mit der Einhaltung vereinbarter Grundsätze (O)
41.
»Sich durchs Leben schlagen« – der fehlende
Vater (N)Suche nach Geborgenheit, nach einem zuverlässigen Zuhause mit
Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung (R)
43.
Angst, auf sich selbst gestellt zu sein, Suche nach
Geborgenheit in dichter sozialer Beziehung und Repräsentation
von Stärke durch andere Personen (P)
44.
Kein Zuhause haben und der Wunsch nach vertrauten
Personen/Beziehungen in einem verbindlichen Rahmen (Q)
45.
»Ich weiß nicht, ob mein Vater mit mir
zusammenleben will« (L)Inwieweit kann ich meinem Gefühl vertrauen, mich auf jemanden
zu verlassen, gibt es überhaupt Sicherheiten hinsichtlich der
Glaubwürdigkeit anderer und der Zuverlässigkeit meiner selbst?
(I)
außerdem: Nr. 3, 5, 9, 21
|
| Differenzierende Kategorie | |
| 1. (Gruppen-) Zugehörigkeit, Selbstlokalisierung |
Abstraktes Selbst- und Weltverhältnis, Selbstbeurteilung und
Einschätzung anderer nach Maßgabe von Klassifikationen, Wunsch
nach sozialen Etiketten (Zugehörigkeit) (C)
48.
Geborgenheit in dichter sozialer Beziehung versus
Vagebundenleben (A)
49.
Reiz und Risiko des Lebens in der Fremde (A)
50.
archaische Form des Reisens (A)
51.
»nicht tragbar sein« (C)Soziale
53.
»Für-oder-gegen-Alternative«
(schwarz-weiß) (H)Das
54.
»Ich« zwischen Gegensätzen (Vater und
Mutter) und seine Lokalisierung in einer Art Mittelfeld (I)Rivalitätskampf um Zuneigung und Anerkennung (R)
55.
Wo bin ich zu Hause? Auf der Reise – zwischen den Grenzen
unterwegs. Wo will ich mich häuslich niederlassen? (N)
56.
»Ich werde aggressiv, wenn ich das Gefühl
habe, unerwünscht zu sein« (E)Alleinwohnen und sich selbst versorgen versus Geborgenheit in
dichter sozialer Beziehung mit Verbindlichkeiten (A)
außerdem: Nr. 39, 15, 37, 46, 18, 43
|
| 2. Anpassung und Abgrenzung |
Anpassungsprobleme an komplexe Sachverhalte mit hohen
kommunikativen Anforderungen und Wunsch nach einem Ort der Ruhe
(F)
60.
Suche nach einem eigenständigen Bereich der Selbstfindung (H)
61.
Bedürfnis nach einer
62.
»solipsistischen
Oase« , nach Ruhe und Geborgenheit, ohne Konfrontation mit
Erwartungen, Zyklisches statt Lineares (B)Wie kann ich denn überhaupt wissen, wer ich bin? (L)
63.
Für sich und bei sich sein, Suche nach einem Bereich der
Selbstfindung und Abgrenzung (D)
64.
Für sich sein und teilhaben; Erfahrungen mit unmittelbarer
Gewalt, Suche nach Schutzräumen und selbstverträglichen Formen
der sozialen Teilhabe (S)
65.
Wie kann ch mir selbst ein dauerhaftes Zuhause schaffen? (Q)
außerdem: Nr. 18, 2, 40, 49, 39, 58
|
| 3. Selbstentwurf, Balance zwischen Selbst- und Fremdbild; Umgang mit Zeit |
Diskrepanz zwischen Begehren und Realität, Wunsch nach einem
67.
»Konzept vermittelter Botschaften«
zwischen eigenem Selbstbild und dem, das sich die anderen machen
(H)Schwierigkeiten mit Zukunft und Vergangenheit (Erinnern und
Planen) (F)
68.
Selbst- und Fremdbestimmung. Was mit der Zeit tun – planen
oder vergehen lassen? (D)
69.
Schwierigkeiten, eine für sich verträgliche Form und Sprache
zu finden, um über sich und Selbsterfahrung authentisch zu
sprechen (S)
70.
Besinnen auf eigene Lebenserfahrungen und Suche nach
sinnstiftenden Tätigkeiten (Q)
71.
Wunsch, Erzieherin zu werden, überhöhte Ansprüche an die
eigene Person (Q)
72.
Schwierigkeiten mit weiblichem Selbstverständnis und
Körperkonzepten aufgrund einer von Überlegenheit und
Unterlegenheit geprägten Auffassung von ø und Frauenrolle (O)
73.
Selbstbild als Frau; Selbstwert und Konvention (Q)
außerdem: Nr. 32, 27, 57, 26, 62
|
-
–
5.Themen und Tätigkeiten
5.Themen und Tätigkeiten
| I Differenzierende Kategorie | II Diagnostisch-prognostisch vorgeschlagene Tätigkeiten | III Zusätzlich realisierte Tätigkeiten |
| 1. Körperkoordination,
Feinmotorik; Leibversorgung; Spürenserfahrung |
sensomotorisches und handwerkliches Training (M/E)
–
Kochen, Einkaufen (E/H)
–
Holzhacken, Grillen, Feuermachen (K)
–
Wanderungen (D)
–
versorgende Tätigkeiten auf dem Bauernhof, Behüten einer
Kindergruppe (Q)
|
Gartenarbeit, Rollschuhfahren, Geschicklichkeitspiele,
Schwimmen, Wasserski, Mountainbike fahren (M)
Angeln (E/D)
Surfen (K)
Feuer machen, Grillen, Fallen bauen, Retten und Bergen,
Holzhacken (C)
Wandern (alle)
Jungtiere versorgen (Q)
Schwimmen, Tauchen, Arbeit im Restaurant, Fische ausnehmen
(E/D)
Kochen, Backen (H)
Einzelbiwak (K)
Arbeit in Bäckerei und Restaurant, Briefe an Mutter schreiben,
Gartenarbeit für warme Mahlzeiten (A)
|
| 2. Umgang mit Dingen, instrumentell vermittelter Bezug zwischen Leib und Welt; Stärke beweisen |
Maschinen und Motoren bedienen und warten (F/O)
–
Schutz- und Nothelfer, Ausbildung im KFZ-Bereich, praktische
Rettungsübungen (I)
–
Bau einer Schutzhütte (B)
–
leibnahe Tätigkeiten (C)
–
handwerkliche und landwirtschaftliche Tätigkeiten (O/P)
–
Nähen, Malen, Werken, Färben von Stoffen (R)
–
Körperkraftbezogene Tätigkeiten mit Holz (L)
–
naturnahe, situative Herausforderungen (Wandern und Klettern)
(P)
–
Traktor fahren (O)
|
Wandern, Kraftspiele, Holz sägen und hacken (B/F/L)
Mauern und Möbel bauen (B/F)
Angeln (B/F)
Retten und Bergen (C)
Abseilen (L/B)
Schwimmen (L)
Wandern (alle)
Tauchen (F/C)
Joggen (B)
Fahrräder und Mofa reparieren (O)
Schmuck herstellen, Malen (R)
|
| I Differenzierende Kategorie | II Diagnostisch-prognostisch vorgeschlagene Tätigkeiten | III Zusätzlich realisierte Tätigkeiten |
| Verständigung, Abstimmung wechselseitiger Erwartungen; Aushandeln von Umgangsregeln; Überlegenheit/Unterlegenheit in sozialen Beziehungen |
Planen einer Reise, Reiseleitung (G)
–
Briefe schreiben (M/K)
–
Tätigkeiten, die Abgrenzung, Überschaubarkeit von Ursache und
Wirkung ermöglichen (K)
–
Stuhl bauen (K)
–
Kochen (E)
–
Handeln (K)
–
Unterrichtung im Umgang mit Ämtern (N)
|
Einzel- und Gruppengespräche
Ballspiele (K, P, S, R)
|
| Vertrauen, Verläßlichkeit |
Kochen (H/E)
–
Schutz- und Nothelfer (I)
–
Unterrichtung im Umgang mit Ämtern (N)
–
Nähen, Malen (R)
–
Situative Herausforderungen bewältigen in einer 1:1-Situation
(Q, P)
|
Briefe schreiben (L/R/Q)
Arbeiten bei einer Restaurantfamilie (M/E)
Arbeiten bei einem Bäcker (I/A)
Angeln (D)
Abseilen (I/B)
Wohnwagen einrichten (R/Q)
eigene Biographie besprechen (alle)
Kanu und Schiff fahren (I/B)
|
| I Differenzierende Kategorie | II Diagnostisch-prognostisch vorgeschlagene Tätigkeiten | III Zusätzlich realisierte Tätigkeiten |
| (Gruppen-) Zugehörigkeit, Selbstlokalisierung |
leibnahe Tätigkeiten (C)
–
kleine Reisen mit 1:1-Betreuung (A)
–
Kochen (H)
–
Schutz- und Nothelfer (I)
–
Reisetagebuch (N)
|
Retten und Bergen, Reisen planen und organisieren (C)
Wandern (A)
Arbeiten bei Restaurantfamilie und Bäcker (A/I/M)
Einzel- und Gruppengespräch (alle)
Briefscheiben (L/R)
Frisieren (H/R)
Wohnwagen einrichten (R)
Kleider nähen und bemalen (H)
|
| Anpassung und Abgrenzung |
Maschinist (F)
–
Kochen (H)
–
Schutzhütte bauen (B)
–
»körperkraftbezogene« Tätigkeiten mit Holz,
Maltherapie (L)Malen, Nähen, Färben (R)
–
Angeln (D/H)
|
Wandern, Einzelbiwak (A)
Möbel und Einrichtungsgegenstände für die eigene Wohnung bauen
(Q)
Frisieren, Skulpturen bauen, Kleider bemalen, Zeichnen und
Malen (H)
Stuhl bauen (B)
Fotografieren (L)
Elektriker (D
Wohnwagen einrichten (S)
|
| Selbstentwurf, Balance zwischen Selbst- und Fremdbild, Umgang mit Zeit |
Tagebuch (S/Q)
–
Konkrete sinnlich-leibliche Spürenserfahrungen zur Sprache
bringen, leibnahe Erfahrungen und körperlich herausfordernde
Situationen ermöglichen, wie z. B. Wandern und Reiten (S)
–
Maschinen warten (F)
–
Malen, Schreiben von Gedichten, Rolle als
–
»Rechtsanwältin« (Q)körperlich anstrengende Tätigkeiten, handwerkliche und
landwirtschaftliche Tätigkeiten, Maschinen bedienen, männlich
besetzte Tätigkeiten (O)
|
Angeln (D)
Buchführung (F)
Kochen, Frisieren, Skupturen bauen, Kleider bemalen, Zeichnen
und Malen (H)
Sich selbst verpflegen (R)
Briefe und Gedichte schreiben (S)
Fotografieren (S/L/G)
Wochenbericht schreiben (Q)
Gruppen- und Einzelgespräche (alle)
Wandern, Schwimmen (S)
Schulunterricht und -nachhilfe (Q)
Schmuck herstellen, Kleider entwerfen, Rollenspiele,
Schminken, Masken herstellen, Kollagen zur Frauenrolle
anfertigen (alle Mädchen)
Abseilen (I)
|
6.Einiges zur Begründung der Aufmerksamkeit für Tätigkeiten
6.Einiges zur Begründung der Aufmerksamkeit für Tätigkeiten
-
–
7.Wie Tätigkeiten Lebensthemen zur Sprache bringen
7.Wie Tätigkeiten Lebensthemen zur Sprache bringen
Der Fall D
Der Fall D
-
–
-
1.
D: Erstmal muß man Ruhe, ruhig sein, muß geduldig sein, und muß einem Spaß machen.
I: Wieso muß man ruhig sein?
D: Nee, überhaupt. Man darf sich nicht ärgern, wenn man ’n Hänger hat oder sowas. Muß in Ruhe alles fertig machen und nicht alles mit Gewalt oder so.
(…)
I: Was macht dir so am meisten Spaß beim Angeln?
D: Das Sitzen und das Fischefangen.
I: Zum Schluß, als du in der Wohngruppe warst, hast du ja so viel mit dem Computer gespielt. Was ist denn da der Unterschied so für dich? Was reizt dich da am Angeln mehr?
D: Mehr die Ruhe, ja, wie soll ich’s sonst erklären … die Ruhe geht, oder die Hektik geht auf die Angel, auf die Angelschnur, von der Angelschnur auf den Haken, von dem Haken auf den Fisch. Und wenn man ganz ruhig ist und Geduld hat, dann beißt vielleicht einer an, und wenn man andauernd umherzappelt und dies und das macht, sich nicht auf’s Angeln konzentriert, dann wird wahrscheinlich keiner anbeißen.«
Der Fall F
Der Fall F
-
1.
8.Weitere Differenzierung von Lebensthemen und Tätigkeiten
8.Weitere Differenzierung von Lebensthemen und Tätigkeiten
Der Fall Q
Der Fall Q
Der Fall A
Der Fall A
9.Herkunftserfahrungen und Aufgabenstellungen
9.Herkunftserfahrungen und Aufgabenstellungen
|
Tabelle 8:
Klassifizierung der Herkunftserfahrungen |
|||
| Herkunftserfahrungen | Lebensthemen | Tätigkeiten mit vermutlich heilender Wirkung | |
| frühkindliche und kindliche Vernachlässigung | a) der leiblichen und emotionalen Versorgung | – Mütter und Essen, Berufswunsch Koch, körperliches Wohlbefinden, Leibversorgung, Vertrauen verknüpft mit leiblicher Versorgung | – Kochen, Backen, Tischdecken, Essen, Frisieren, Massieren, Schwimmen, Einkäufen, Backofen bauen, Zimmer einrichten, Wäsche und Körper waschen, Nähen, Lagerfeuer machen, Holzhacken, Badewanne bauen, Saunen, Küche einrichten, Angeln |
| b) der sensomotorischen Entwicklung und sensomotorischen Integration | – Körperkoordination, Ungeschicklichkeit, Feinmotorik, Umgang mit Leib und Dingen, Gleichgewichtsstörungen | – Schwimmen und Tauchen, Ball- und Geschicklichkeitsspiele, Rollschuh- und Skateboardfahren, Trampolinspringen, Fahrradfahren, Kraftspiele, Wandern, Angeln, Reiten | |
| Abschieben und mangelnde Verläßlichkeit in sozialen Beziehungen | – Zweifel in die Verläßlichkeit von sozialen Beziehungen und die Glaubwürdigkeit anderer, Trennungsschmerz und Enttäuschungen von den Eltern, Wunsch nach Familie und eigenen Kindern, Bindungslosigkeit, Käuflichkeit sozialer Beziehungen | – 1:1-Betreuung: Einkäufen und Kochen, Wandern, Klettern, Abseilen, Kanufahren, Reiten, Briefe-, Tagebuch- und Autobiographieschreiben, Gespräche, Zimmer einrichten | |
| Ambivalenz von Loslösung und Anklammerung | –
»ich
brauche Dich nicht – hilf mir« , Abstimmen wechselseitiger
Erwartungen, Aushandeln von Umgangsregeln, Selbsteinschätzung,
eigener Standpunkt im sozialen Umfeld |
– Regel-, Gemeinschafts- und Rollenspiele, Möbelbauen, Abseilen und Kanufahren, gemeinsame handwerkliche Tätigkeiten, Handeln und Tauschen, Lohnarbeit, Briefe schreiben, Telefonieren, Einzel- und Gruppengespräch, Angeln, Autobiographie schreiben | |
| Gewalterfahrungen, sexueller Mißbrauch und Familienchaos | – Anpassungsschwierigkeiten in Gruppen oder
Situationen mit hohen kommunikativen Anforderungen, Schwierigkeiten
im Umgang mit Zeit und Zeitrhythmen, Schutz- und Abgrenzungswünsche
(
»solipsistische Oasen« ), Schwierigkeiten,
über sich und seinen Körper zu reden, Überlegenheit/Unterlegenheit
in sozialen Beziehungen, Nähe-Distanzprobleme |
– Schutzhütte bauen, Mauern, eigenen Stuhl oder Bett bauen, Zimmer einrichten, Tagebuchschreiben, Fotografieren, Angeln, leibliche Spürenserfahrungen (Wandern, Reiten, Schwimmen, Tauchen), Gartenarbeit, Motor- und Maschinenwartung, Gespräche, Dokumentieren, Rollen-, Gemeinschafts- und Regelspiele |
10.Kleines Tätigkeitslexikon
10.Kleines Tätigkeitslexikon
Angeln
Bauen und Mauern, Herstellen von Möbeln
Gartenarbeit
Kanufahren
Klettern und Abseilen
Kochen und Waschen
Nähen
Pingpong, Federball und Tennis
Schreiben und Fotografieren
Schwimmen und Tauchen
Wandern
øZusammenfassung
øZusammenfassung
-
1.
| Themen | Tätigkeiten | |
| Sächliche Verhältnisse | ||
| Beziehungsverhältnisse | ||
| Ich- oder Selbst-Verhältnisse |
Anhang
Anhang
-
1.
1.Anfangsgespräch mit A
-
I:
2.Anfangsgespräch mit O
-
I: