"    Gesellschaftliche Bedingungen der Sozialpädagogik \n   Mit dem Ausdruck \"Sozialpädagogik\" als einem erziehungswissenschaftlichen Terminus hat es eigene Schwierigkeiten. Obwohl er seit gut 100 Jahren in Gebrauch ist, wechselt seine Bedeutung immer noch von Autor zu Autor, von Interessengruppe zu Interessengruppe. Man tut deshalb gut, keine Übereinkunft vorauszusetzen, sondern zu sagen, wovon zu sprechen man beabsichtigt. \n  Wenn also hier von den gesellschaftlichen Bedingungen der Sozialpädagogik gesprochen werden soll, so muß ich zunächst angeben, welcher der üblichen Bedeutungen ich mich – wenn auch nur als Assoziationshilfe – angeschlossen habe. Danach ist Sozialpädagogik die Theorie derjenigen Erziehungsvorgänge, die im Jugendwohlfahrtsgesetz einen juristischen Niederschlag gefunden haben, die Theorie der Jugendhilfe. Das klingt einleuchtend, ist aber vielleicht so vernünftig nicht, wie es den Anschein hat. \n  Mit Recht nämlich könnte eingewendet werden, daß es doch etwas Bedenkliches habe, einen Begriff mit erziehungswissenschaftlich-systematischem Anspruch derart pragmatisch zu orientieren, das heißt, ihn nicht auf die Erziehungsprozesse, sondern auf Rechtsinstitute zu beziehen, die zum Erziehungsproblem in keinem stringenten Zusammenhang zu stehen brauchen. Am Beispiel der Jugendkriminalstrafe ließe sich zeigen, wohin das führt. \n  Wichtiger aber ist ein anderer Einwand. Sprechen wir in diesem Sinne von Sozialpädagogik oder von Jugendhilfe, dann sind diese Ausdrücke Sammelnamen für eine Reihe pädagogischer Institutionen und Eingriffsformen. Schon auf den ersten Blick zeigt sich, daß sie außerordentlich verschieden sind. \n  Ein politischer Jugendclub und ein Heim für schwererziehbare 10jährige haben zu wenig gemeinsam, als daß es eine für sie gemeinsam geltende pädagogische Theorie geben könnte, jedenfalls dann, wenn Theorie hier mehr sein soll als Terminologie. Gewiß ist es sinnvoll, Theorien anzunehmen, die in beiden Fällen bestimmte Aspekte des Geschehens zu erklären vermöchten, so z. B. die eine oder andere Lerntheorie, die Rollentheorie. Das aber wäre freilich keine Theorie der Jugendhilfe, sondern wäre die Anwendung einer erklärungsfähigen Theorie einzelner pädagogischer oder pädagogisch relevanter Vorgänge auf Praxisprobleme der Jugendhilfe. \n  Aus diesen Gründen scheint es mir notwendig zu sein, die theoretische Irrelevanz der Ausdrücke \"Sozialpädagogik\" und \"Jugendhilfe\" hervorzuheben. Es handelt sich eben nicht um eine Klasse von Gegenständen und Vorgängen, die sich so ähnlich sind, daß sie in einer gemeinsamen Theorie miteinander verbunden werden könnten. \n    Sozialpädagogische Problemlagen \n  Es scheint, als wäre ich mit meinem Thema in einer mißlichen Lage. Nicht von \"Sozialpädagogik und Sozialstruktur\" wäre sinnvoll zu reden möglich, sondern allenfalls von besonderen sozialpädagogischen Institutionen oder Problemlagen, die zwar nicht den Gegenstand \"Sozialpädagogik\" treffen, aber doch für die eine oder andere unter diesem Namen zusammengefaßte pädagogische Intervention charakteristisch sind. \n  Einige solcher Problemlagen, die zum Gegenstand von Jugendhilfe-Forschung geworden sind, will ich im folgenden nennen: \n  1. Die Einrichtungen, die vorwiegend an dieser Problemlage sich orientieren, sind unter dem Namen \"Jugendarbeit\" zusammengefaßt. Das in ihnen zum Vorschein kommende pädagogische Thema ist mit sozial-strukturellen Sachverhalten verbunden, die sich durch Begriffe wie industrielle Arbeitsverhältnisse, privatkapitalistische, konsumorientierte Produktionsverhältnisse, schichtspezifisches Freizeitverhalten und Demokratisierung schlagwortartig bezeichnen lassen. Vgl. H. , Didaktik der politischen Bildung, München ³1968 ; (Hrsg.), Freizeit und Konsumerziehung, Göttingen 1968 ; C. W. / H. / K. / H. , Was ist Jugendarbeit? – Vier Versuche zu einer Theorie, München 1964 ; C. W. , Jugendpflege als Freizeiterziehung, Weinheim 1965 . Es zeigt sich darin aber auch, daß es sich hier keineswegs um ein spezifisch sozialpädagogisches Problem handelt. Denn: Es gibt wohl kaum einen Ort im gegenwärtigen Erziehungssystem, der von dieser Problematik unberührt bleibt. Immerhin wäre es sinnvoll, zu verfolgen, wie einzelne sozial-strukturelle Variablen nicht nur mit den Problemlagen des jugendlichen Daseins, sondern auch mit den Maßnahmen der Jugendarbeit und deren Prinzipien zusammenhängen. \n  2. Die in der Regel der Jugendhilfe zugeordneten Formen pädagogischer Intervention in diesem Problemfeld beziehen sich vorwiegend auf die Familie und den Kindergarten. Sie orientieren sich noch weitgehend an einem traditionell festgelegten Leitbild familiär-pädagogischen Wohlverhaltens, das in der deutschen Kindergarten-Ideologie vielleicht seinen deutlichsten Ausdruck gefunden hat. Diese Ideologie oder Erziehungs-Wert-Orientierung ist aber selbst ein sozial-strukturell bedingtes Phänomen: Sie ist die Wertorientierung der Mittelschicht. Die damit zusammenhängenden Fragen zeigen neuerdings auch, wie wenig sinnvoll z. B. eine theoretische Unterscheidung zwischen sozialpädagogischen und schulpädagogischen Problemen ist: Der familiäre Sozialisationsmodus, das ergibt sich z. B. aus der Theorie der Lern- und Leistungsmotivation, ist eine der entscheidenden Variablen für Schulerfolg und sozialen Aufstieg. \n  3. Dissozialität als eine Form individueller Verhaltensauffälligkeit, der gegenüber die Gesellschaft sich zum Eingreifen genötigt fühlt, ist sehr wahrscheinlich das älteste der Probleme, die wir als \"sozialpädagogisch\" zusammenfassen. Auch hier könnte sowohl den sozial-strukturellen Bedingungen solcher Konfliktlagen und deren individuellen Lösungsformen wie auch den Formen pädagogischen Eingriffs nachgegangen werden. Allerdings zeichnet sich die bisherige Forschung dadurch aus, daß sie zwar nach den Bedingungen entstandener Auffälligkeit fragt, nicht aber auch die pädagogischen Reaktionen einer kritischen Analyse unterzieht. H. / R. , Sozial auffällige Jugendliche, München ²1965. Und auch die Bedingungen für die Auffälligkeit werden vorwiegend nur insofern ermittelt, als sie als Momente der individuellen Biographie hervortreten. \n  4. Hier scheint die Forschungsproblematik am einfachsten, am wenigsten verwickelt zu liegen. Die Klientel bringt ihre sozial-strukturellen Daten gleichsam schon in die Sprechstunde mit. Slums, Unterschichten-Gettos und andere randständige soziale Gruppen sind als sozialpädagogisches oder Jugendhilfe-Objekt geradezu durch die sozial-strukturellen Merkmale und deren Prognosewert definiert. H. (Ed.), Education in Areas, New York 1963 ; J. B. Mays, Growing Up in the City – A Study of Juvenile Delinquency in an Urban Neighbourhood, Liverpool ³1964 . Um so bedeutsamer wäre es gerade hier, die gesellschaftlichen Bedingungen der zu analysieren. \n  In den Jugendhilfe-Maßnahmen kommt ein Merkmal zum Vorschein, das man fast zu ihrer Definition verwenden könnte: Sie kommen prinzipiell zu spät. Prinzipiell ist diese Verspätung deshalb, weil sie nicht über die Veränderungen der Bedingungen verfügt, die das Eingreifen nötig machen. Der Zusammenhang zwischen der als ursächlich anzunehmenden Sozialstruktur, der Erscheinungsform von Hilfsbedürftigkeit und der Hilfsmaßnahme wird weder theoretisch mit der nötigen Deutlichkeit formuliert noch praktisch wirksam. Damit hängt eine theoretische Hilfskonstruktion zusammen, deren sich die Jugendhilfe besonders im Hinblick auf nahezu ausschließlich bedient: das Ersetzen gesamtgesellschaftlicher Merkmale durch Merkmale der intim-sozialen Erfahrung. Um es konkret zu sagen: Die Berufstätigkeit von Müttern ist ein Merkmal familiärer Sozialstruktur, das sowohl relativ leicht zu ermitteln wie auch durch moralischen Appell scheinbar leicht zu ändern ist, in Wahrheit aber ganz andere als appellative Reaktionen nötig macht. Die praktische wie theoretische Fixierung auf dieses Datum erspart oder versperrt den Durchblick auf Bedingungen, die dahinter liegen. Oder: Die Veränderung der familiären Kommunikationsstruktur durch die Massenmedien hat sicherlich Variablen zum Vorschein gebracht, die das Verhalten von Kindern und Jugendlichen in der einen oder anderen Richtung erklären können. Pädagogisches Eingreifen wird aber naiv, wenn es sich nun kurzschlüssig als appellative Gegenwirkung versteht. Oder: Psychoanalytische Theoreme haben gewiß einiges zur Bedeutung früher Mutter-Kind-Beziehungen für die Verhaltensprägung erbracht. Hält man aber die Ermittlung solcher Zusammenhänge für einen zufriedenstellenden Erklärungsmodus, dann wird dadurch die Verspätung der geradezu institutionalisiert. Verschleiert wird dieser Sachverhalt dadurch, daß eine Theorie, die in einem sozial begrenzten Feld erklärungsfähig ist, Diagnosen erlaubt, die angemessene pädagogische Maßnahmen möglich und ihre Wirksamkeit vielleicht sogar wahrscheinlich machen. Die detaillierte Einsicht in familiäre Sozialisationsprozesse, die Kenntnis der ausschlaggebenden Variablen, erlaubt die Aufstellung eines erfolgversprechenden Erziehungsplans im individuellen Fall. Sie richtet aber nichts aus gegen die immer neue kollektive Reproduktion des Falles. So kann Jugendhilfe, ohne ihre Absicht und ohne ein Bewußtsein davon zu haben, ein selbst hilfloses und darin ideologisches Instrument sein. Mit dem Erfolg im einzelnen Fall täuscht sie sich darüber, daß sie in der Tat nichts ist als caritative Hilfe, die das angeblich Unvermeidliche erträglich macht. \n  Wiederum konkret gesprochen: Die diagnostische Subtilität des amerikanischen Social Work hat an der immer neuen Reproduktion des Elends in den Unterschichten nichts ändern können. Die Theorien sind – und das gilt auch für die deutsche Jugendhilfe-Forschung – am Interesse für die Erklärung individuell-biographischer Verläufe und Veränderungen orientiert. Ich will nicht entscheiden ob es sich hier um eine prinzipielle Schranke für die Jugendhilfe-Praxis handelt. Sicher aber scheint mir zu sein, daß es für die Forschung eine solche Schranke nicht geben darf, daß die Theorie sich auf größere Erklärungszusammenhänge einlassen muß, auch wenn ihre Umsetzung in Handeln schwierig oder ausgeschlossen sein mag. \n    Soziale Schicht und sozialpädagogische \n  Zu solchen, das individuelle Erziehungsschicksal überschreitenden gehören die Probleme der sozialen Schichtung. Es bedarf, insbesondere nach den breit gestreuten und zahlreichen Untersuchungen der letzten Jahre, kaum noch eines Hinweises darauf, daß die Variable der sozialen Schicht allgemein-pädagogisch und nicht nur für die Jugendhilfe von gravierender Bedeutung ist. Es ist jedoch bemerkenswert, daß diese Zusammenhänge zwar für schulische Lernprozesse theoretisch relativ weit entwickelt sind, daß es aber für die Jugendhilfe-Forschung in Deutschland nur sehr wenige ausdrückliche Ansätze in dieser Richtung gibt. Ich möchte deshalb versuchen, einiges zu diesem Problem beizutragen, und zwar eingeschränkt auf den Zusammenhang von Dissozialität und ihrer pädagogischen Behandlung auf der einen und sozialer Schichtzugehörigkeit auf der anderen Seite. \n  Meine These lautet: Die pädagogischen Probleme der Jugendhilfe, insbesondere dort, wo sie sich mit dissozialem Verhalten auseinanderzusetzen hat, sind geprägt von den Merkmalen der sozialen Schichtung in unterschiedliche sozio-ökonomische Strata. Einerseits drückt sich diese Geprägtheit in der von der Jugendhilfe betreuten Population aus, andererseits ist zu vermuten, daß die Einstellung derer, die Jugendhilfe betreiben, durch ihre mittelständische Position bestimmt ist und infolgedessen sich auch auf die Einschätzung von Dissozialitätsproblemen auswirkt. \n     "