"    Sozialpädagogik. Das Wort Sozialpädagogik hat sich als Bezeichnung für einen bestimmten Umkreis pädagogischer Aufgaben und Einrichtungen und deren eingebürgert. Die Sozialpädagogik umfaßt alle jene Aufgaben, die in als besondere Eingliederungshilfen notwendig geworden sind und gleichsam an den Konfliktstellen dieser Gesellschaft entstehen. Es gibt sie in diesem Sinne erst, seit die gesellschaftlichen Vorgänge einer pädagogischen Kritik unterzogen werden und es augenfällig wurde, daß die traditionellen Erziehungswege nicht mehr , um den Vorgang des Heranwachsens zu sichern. \n  drei Motive ihre Entstehung bestimmt: \n  Gemeinsam ist allen diesen Einrichtungen, daß sie – neben den kontinuierlich das Heranwachsen steuernden oder begleitenden Erziehungswegen von der Familie durch Schule und Berufsbildung bis zur Erwachsenenbildung – ein System von Maßnahmen bilden, die im je besonderen Erziehungsfall entweder planvoll eingesetzt werden können oder als helfende Institutionen für Familien, und Jugendlichen bereitstehen. \n  Sozialpädagogik als Terminus für einen bestimmten Aufgaben- und Einrichtungskomplex ist etwas anderes als das mit dem Begriff Sozialerziehung Gemeinte; dieser Begriff bezeichnet lediglich einen bestimmten Aspekt nahezu aller Erziehungsvorgänge, gleichgültig, ob sich diese Vorgänge nun in der Familie, der Schule, an der Arbeitsstelle oder in einer sozialpädagogischen Institution abspielen. Der Begriff Sozialpädagogik ist demgegenüber an Erziehungseinrichtungen von einer bestimmten Aufgabenart gebunden und so wenig ein Aspekt der Erziehung im allgemeinen Sinne, wie es Familien-, Schul- oder Erwachsenenpädagogik sind. Das schließt nicht aus, daß die institutionelle Trennung nicht immer gelingt und auch kaum durchgehend zu wünschen ist. Erziehungsberatung und Schule, Erwachsenenbildung und Jugendpflege, Familienerziehung und Fürsorge haben, wie viele andere pädagogische Einrichtungen, nicht nur mannigfache Berührungsstellen, sondern dringen häufig eine in die andere ein und übernehmen dort wechselseitig Aufgaben, wo nur in solcher Kooperation die pädagogische Aufgabe zu bewältigen ist. Andererseits aber ist nicht zu übersehen, daß es die Sozialpädagogik besonders nachdrücklich mit dem sozialerzieherischen Aspekt zu tun hat. Ihre Einrichtungen, als ein dritter pädagogischer Ort neben Familie und Schule, entwickeln sich mehr und mehr zu eigenständigen, nachholenden oder begleitenden Stätten der Sozialerziehung, die angesichts der fundamentalen Erziehungsprobleme, welche Industrialisierung und Demokratisierung stellen, von Familie und Schule allein nicht mehr zu lösen sind; denn die Anforderungen, die die moderne Gesellschaft an die Soziabilität ihrer Bürger stellt, sind höher als die sozialen Fähigkeiten, die sich im pädagogisch nicht vermittelten Hineinwachsen in diese Gesellschaft bilden. \n    Eine Reihe von Problemen, die an sich in allen pädagogischen Institutionen und Vorgängen eine Rolle spielen, treten in der Sozialpädagogik in charakteristischer Weise hervor und bestimmen ihr Profil. \n  1. Die Sozialpädagogik ist nicht nur gleichzeitig mit der entstanden, sondern sie hängt auch der Art nach eng mit dieser zusammen. Sie kommt überall dort ins Spiel, wo die soziale Entwicklung das Heranwachsen gefährdet, wo sie dem Menschen Schaden zugefügt hat oder zuzufügen im Begriffe steht. Sie kann daher nur begrenzt von den sozialen und kulturellen Traditionen ausgehen und an diesen Halt finden, denn sie sieht sich dem Werden einer Gesellschaft gegenüber, deren Unvollkommenheiten dem Sozialpädagogen unmittelbar als aber bedingt, daß der sozialpädagogischen Tätigkeit immer auch ein Gedankengang innewohnt. Die in der Praxis täglich neu erfahrene subjektive Entsprechung einer problematischen gesellschaftlichen Lage im einzelnen Erziehungsfall weist die Erziehungstätigkeit auf diese Lage zurück als auf die Bedingungen der individuellen Erziehungsbedürftigkeit. Die Erziehungsrichtung nimmt daher nie nur den direkten Weg auf den einzelnen zu, sondern schließt die Absicht zur Veränderung der Erziehungsbedingungen mit ein. Neben den pädagogischen Bezug tritt die Erziehungsplanung die bisweilen sogar zur ausschließlichen pädagogischen Tätigkeit werden kann. Das enge Verhältnis zwischen Sozialpädagogik, hat hier seinen Grund. \n  2. Die sozialpädagogische Praxis geschieht in einem Spannungsfeld zwischen dem als normal Geltenden und den vielen Formen von Abweichungen bis hin zur juristisch definierten Kriminalität. Sie will das stützen und fördern, den Abweichungen vorbeugen und, sofern das mit pädagogischen Mitteln zu leisten ist, die eingetretenen Schäden aufheben. Es fällt aber schwer, das positiv zu beschreiben, da einerseits Minimalforderungen pädagogisch unfruchtbar sind – der Erziehungsprozeß würde erstarren – und andererseits Maximalforderungen die Breite der heranwachsenden Generation nicht erreichen würden; zwischen beiden liegt ein Spielraum, der dem der Gruppen, Konfessionen und Weltanschauungen entspricht, die je einen besonderen Begriff von vertreten. Diesem historischen Wechsel unterliegen allerdings die verschiedenen in verschiedenen Graden. \n  Dasselbe gilt für jene Phänomene, die in der sozialpädagogischen Diskussion unter dem Begriff Gefährdung zusammengefaßt werden. Auch ihre Bestimmung hängt von dem Aspekt der Erziehung ab. Die Sorge um die Gefährdung der Jugend kann sogar als der wesentliche Impuls der gesamten Sozialpädagogik seit ihren Anfängen bezeichnet werden. Die in diesem Begriff und seiner allgemeinen Anwendung vorausgesetzte Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und den Bedingungen eines gesunden Heranwachsens . Eindeutig der Begriff dort, wo durch bestimmte Einwirkungen die physische Existenz des jungen Menschen in Mitleidenschaft gezogen wird () oder eindeutig beschreibbare psychische Schäden auftreten. In einem pädagogisch verantwortbaren Sinne kann überall dort von Gefährdung gesprochen werden, wo die Bedingungen der Autonomie und Initiative bedroht sind. \n  3. Da diese Leistungsfähigkeit sich nicht im Prozeß des Heranwachsens gleichsam von selbst herstellt, sondern ihre Entwicklung nachdrücklich gefördert werden muß, liegt alles daran, die Bedingungen für die Entfaltung von Autonomie und Initiative zu erkennen. Die entsprechenden Überlegungen und Versuche sind in den Diskussionen um das Problem der Grundbedürfnisse formuliert worden. Offenbar gibt es eine Reihe von Bedürfnissen, ohne deren Befriedigung Existenz . Es sind dies zunächst die primären Bedürfnisse der vitalen Existenz, wie das Bedürfnis nach Nahrung, Schlaf, Schutz für das leibliche Dasein, nach Freiheit von Furcht, aber auch nach erotisch-sexuellen Beziehungen. \n  Ihre Befriedigung reicht aber zur Existenzerhaltung nicht aus, solange dem Kinde nicht zugleich fundamentale Erfahrungen zuteil werden, deren Ausbleiben zum sog. (Entwicklungsstillstand, Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Wimmern, motorische Verlangsamung, Kontaktstörung bis zur Kontaktunfähigkeit, Symptome, erhöhte Sterblichkeitsgefahr). Es handelt sich dabei um die – jeweils verschieden formulierten – Erfahrungen der seelischen Geborgenheit, der () und der . Entbehrt das Kind sie über einen längeren Zeitraum, treten nahezu irreversible Schädigungen auf – eine Einsicht, die für alle Familien- und Heimerziehung fundamental ist. Ist die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse die Bedingung für vermutlich jede Form humaner Existenz, so ist darüber hinaus noch eine Anzahl von Qualitäten zu nennen, die für die kulturelle Existenz unseres Kulturkreises als Bedingungen angegeben werden können. Erikson nennt: Vertrauen, Autonomie, Initiative, Intimität, Produktivität, . Folgt man hierin, dann wäre es die Aufgabe der Sozialpädagogik, die Entfaltung dieser Qualitäten zu schützen, Versäumtes nachzuholen und ihre Bewährung im Erziehungsraum zu ermöglichen. \n  4. Für die Sozialpädagogik ist es charakteristisch, daß nicht der Staat ihr ausschließlicher Träger ist, sondern daß in ihr eine hervorragende Rolle spielt. Das Jugendamt hat zwar die Durchführung der im Jugendwohlfahrtsgesetz vorgesehenen Maßnahmen, vor allem die Berücksichtigung des ( § 1 ) zu überwachen; der Vollzug selbst aber verteilt sich unter eine Vielzahl von Trägern und Trägerverbänden (Arbeiterwohlfahrt, Caritas-Verband, Innere Mission, usw.). \n       \n    "