"    Ist das Verhältnis zwischen den Generationen gestört? Pädagogische Anmerkungen zu gegenwärtigen Jugendproblemen \n   \"Schließlich kommt es nicht darauf an, wie du rumläufst, sondern auf das Ding, das du in der Birne hast. Daß du keinen Bock darauf hast, dich bis 65 totzumalochen für ’ne Rente, dich da hinzustellen und die ganze Wichse mitzumachen. Daß du keinen Bock hast auf die ganze Scheiße, die hier abläuft mit Politik und so, die ganze Verarschung. Daß du gegen alles bist, gegen Deutschland und die ganze Welt, weil in diesem komischen Staat und auf dieser ganzen Erde nur Kacke abläuft\" (zitiert in: Die Zeit, 6. 2. 1981)  . \n  \"Überall gibt es Scheißbosse, sie versuchen überall zu sagen, was du tun sollst …, egal, was du tust, wohin du gehst, immer sind sie schon da. Leute, die Macht haben, Leute, die dir sagen, was du zu tun hast, und die darauf achten, daß du es auch tust. Es ist das System, in dem wir leben, das System der Bosse. Schulen, zum Beispiel, da mußt du hingehen, stimmt doch, oder? Die Lehrer und die Schuldirektoren, sie haben die Macht. Sie sagen dir, was du tun sollst und du bist froh, wenn du da rauskommst und abhauen kannst. Die denken, weil du jung bist und weil sie dich bezahlen, daß sie dich behandeln können, wie sie wollen, und sagen können, was sie wollen. Dann gibt es noch die Gerichte … sie sind alle Teil der Macht. Alle Offiziellen und alle Leute in Uniform. Jeder mit einer Marke am Jackett, die Fahrkartenkontrolleure, die Behördenvertreter und so was … Ja, sogar der Hauswart im Wohnblock macht dich an. Und wenn du dann Feierabend oder Schulschluß hast und in den Jugendclub gehst, dann kommen auch noch die Sozialarbeiter dazu\" (J. Clarke u. a. Jugendkultur als Widerstand, Frankfurt/M. 1979, S. 171 f. )  . \n  \"Wir sollten uns nicht bemühen, das Hemd naßzuschwitzen, um mit den Punks und Freaks und was da herumläuft in eine Diskussion zu kommen. Die sind nicht diskussionsbereit, wir Politiker waren es immer\" (Frankfurter Rundschau, 2. 9. 1981). \n    Zur Phänomenologie adoleszenten Verhaltens \n  Zunächst einige Zitate: \n   \"'Was tut ihr denn so, wenn ihr mit euren Kumpels zusammen seid?' Duncan: 'Na, einfach rumstehen und Quatsch reden. Über irgend etwas.' 'Tut ihr sonst noch was?' Duncan: 'Spaßmachen, Blödeln, sich aufspielen. Wozu wir grad Lust haben, wirklich.' 'Und das ist alles?' Duncan: 'Einfach irgendwelche Sachen. Letzten Samstag fing jemand an mit Flaschen zu schmeißen, und wir haben alle mitgemacht.' 'Was passierte dann?' Duncan: 'Eigentlich nichts.'\" (Clarke, S. 176 )  . \n  \"'Was macht ihr so an der Straßenecke?' Dick: 'Die Polizei hat uns nie erwischt, wie wir etwas anstellten, darum können sie uns nichts anhaben. Aber wir haben meistens so rumgespielt, Sachen zerschmissen.' 'Was für Sachen?' Dick: 'Eigentlich alles – weiß nicht warum – waren einfach so Ideen.'\" (Clarke, S. 177 )  . \n  Derartige Selbstaussagen und Situationen sind nichts Neues; sie sind uns allen vertraut, sie sind für Jugendliche in Zürich, London, Nürnberg ebenso charakteristisch wie für Göttingen. Obwohl an den beschriebenen Handlungen gewiß nur eine recht geringe Anzahl von Jugendlichen teilnimmt, enthält doch die geschilderte Ausgangslage Typisches. Die Grundstimmung möchte ich so beschreiben: \n  , vielleicht fundamentale ist das Erlebnis eines . Diese Komponente tritt in den Selbstaussagen derjenigen Gruppierungen von Jugendlichen, die von sich reden machen, zwar besonders deutlich hervor; aber wir finden es ebenso, und zwar in erstaunlicher Breite, bei anderen, die nach ihrer äußeren Erscheinung und ihren Aktivitäten zunächst gar keine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. \n  ist eine relative oder des Interesses. Zu fragen, warum dies oder jenes getan wird (zum Beispiel Flaschen zerschmeißen), heißt sinnlose Fragen stellen ( \"weiß nicht warum – waren einfach so Ideen\"). Auch dies ist nicht nur charakteristisch für kleine Außenseiter – oder Aussteiger-Gruppen. Was beispielsweise Lehrer als \"Motivationsverlust\" beklagen, hat im Prinzip die gleiche Form: Es entschwinden die dafür, etwas Bestimmtes lernen zu wollen, jedenfalls das, was die Schule anbietet. Dabei ist die Differenz zwischen Gründen und Motiven wichtig: Motive halten sich vielleicht noch einige Zeit, auch wenn es schwierig wird, Gründe zu finden; und Motive können schon verloren sein, auch wenn der Verstand mir sagt, daß es doch gute Gründe für diese oder jene Anstrengung gibt. \n  folgt aus den ersten beiden – nicht im Sinne einer logischen, sondern im Sinne einer pragmatischen Schlußfolgerung: Wenn man sich schon in einem sozialen \"Nirgendwo\" befindet und über keine Gründe mehr für ein auf die Zukunft gerichtetes Wollen verfügt, dann liegt es nahe, sich den aktuellen, spontanen, dem Augenblick angehörenden Antrieben zu überlassen: also \"einfach rumstehen … Spaß machen, Blödeln …\". Diese , d. h. die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Befriedigungsmöglichkeiten, die die bietet, ist vielleicht – nach Meinung vieler Interpreten – das Wichtigste. In ihr bündelt sich das Mißtrauen gegenüber den gesellschaftlichen/staatlichen Zukunftsversprechen, der Wunsch nach unkontrolliertem Leben, die kognitive Unfähigkeit, ein bestimmtes Anderes und Besseres zu wollen, und die gesellschaftliche Nötigung, aus der Abseitssituation noch irgendetwas zu machen, was subjektiv befriedigend ist. \n  Dies ist die Ausgangssituation. Jedermann weiß, daß dieses abstrakte Tableau sich nun bebildert; denn: niemand, auch kein Jugendlicher, hält diesen Schwebezustand lange aus. Der Zustand muß sozial artikuliert werden – und das ist heute wie zu allen Zeiten und in allen Kulturen ein Akt der Symbolisierung. Neben den psychologisch diskutierbaren Adoleszenzproblemen war es vor allem dieser Vorgang, der die Aufmerksamkeit der Jugendforschung auf sich zog. Um die Fülle der Beobachtungen zu ordnen und sie mir verständlich zu machen, möchte ich drei Brennpunkte solcher Symbolisierungen unterscheiden: \n    Einige Reaktionen auf dieses Verhalten \n  Die Liste von wesentlichen Merkmalen gegenwärtigen Jugendprotestes oder der Aussteigermentalität ließe sich gewiß noch verlängern. Vor allem wäre wohl etwas über neue Beziehungsstrukturen zu sagen, aber auch über die sowohl objektiv wie subjektiv problematischen und belastenden Konflikte, die in diesem Feld zwischen Strafrecht, Drogengefährdung und Suizid auftauchen. Ich möchte das indessen nicht tun; dafür gibt es kompetentere Interpreten. Stattdessen liegt mir daran, die Aufmerksamkeit eher auf historische und sozialstrukturelle Zusammenhänge zu lenken. \n  Am Beispiel von drei typischen Reaktionen, die ich alle für falsch halte, möchte ich solche Zusammenhänge zunächst andeuten: \n  Diese Entwicklung ist ambivalent. Einerseits kann man es als Gewinn werten, daß die sozialfürsorgerische Attitüde, die noch in den 50er und Anfang der 60er Jahre beispielsweise für die Pädagogik der Jugendfreizeitheime charakteristisch war, stark zurückgegangen ist, daß Eltern mit ihren Kindern liberaler umgehen, daß Lehrer weniger häufig autoritäre Unterrichtsstile praktizieren, daß in der Jugendarbeit der Sozialpädagoge sich seltener als Besserwisser versteht, der \"sinnvolle Freizeit\" organisieren muß. Auch die Relativierung dessen, was der Pädagoge, seiner eigenen sozialen Herkunft nach, für sinnvoll hält, das Sich-Einlassen auf den kulturellen Habitus beispielsweise der Arbeiterjugend, die Parteinahme für deren Interessen, ist nichts anderes als pädagogisch vernünftig; ebenso auch die Sensibilisierung für psychische Probleme des einzelnen Jugendlichen, für Gruppenvorgänge, für Identitätsprobleme. \n  Andererseits aber, gekoppelt mit jener Schwierigkeit, erwachsen zu werden, gerät die nachwachsende Generation in ein soziales Feld, in dem Erwachsene immer seltener werden, die bereit sind, sich auf den Ernst einer eigenen Biographie, damit auch auf kulturelle Bestände und Überzeugungen zu berufen. Ich fürchte, daß die Zahl von Sozialpädagogen nicht gering ist, die einerseits die traditionelle Kultur der Bourgeoisie verachten, deren avantgardistische Teile nicht kennen, an den jugendlichen Subkulturen partizipieren, aber selbst keine haben. Das klingt nun auch sehr besserwisserisch und von oben herab. Es ist nicht so gemeint, denn ich könnte mich selbst miteinbeziehen: Wir sehen dem Zerbröckeln unserer kulturellen Traditionen zu und wissen nicht, was daraus werden kann. In solcher Situation ist es gar nicht , wenn auch Pädagogen am liebsten dort arbeiten, wo die Attitüden der Körper-Zentriertheit, des unbestimmten Wollens, der hedonistischen Konzentration auf die pure Gegenwart vorzuherrschen scheinen. \n    Einige historische Bedingungen \n  Liest man heute Berichte, vor allem Autobiographien, aus dem 18. Jahrhundert, dann trifft man auf Vertrautes: In einer Stadt wie Jena oder Gießen verging kaum eine Woche ohne den Krawall Jugendlicher; Bürger wurden angepöbelt und bedroht; Scheiben gingen zu Bruch; die Straße war häufig im Besitz der Jugendlichen, die Bürger blieben in ihren Wohnungen. Zwar begannen die Berichterstatter darüber zu klagen, aber im ganzen herrschte eine emotionale Gleichgültigkeit. Es war – wie auch in den Jahrhunderten davor – eher der Ärger über die Belästigung als die Sorge um die Zukunft dieser Generation oder dieser Gesellschaft. Schließlich starb ja auch fast die Hälfte der Kinder, ehe sie erwachsen wurde. Der Familienzusammenhalt war in der Regel nur locker; die Orientierung an und die Integration in Gruppen des gleichen Alters und des gleichen Status war mindestens so wichtig wie die Familienzugehörigkeit; wenn man es irgend bezahlen konnte, gab man die Kinder in fremde Haushalte und kümmerte sich dann häufig überhaupt nicht mehr um sie. \n  Wichtig sind nun für die weitere Entwicklung des Generationenverhältnisses drei Faktoren, die wir in der Regel als geschichtlichen Gewinn interpretieren: \n   –  Es entsteht die Kleinfamilie mit der Betonung von Häuslichkeit, Dichte und relativer Abschließung nach außen;  –  es entsteht, vor allem wohl unter dem Druck des kapitalistischen Warenmarktes, eine individualistische Orientierung, die die traditionell kollektivistischen Orientierungen verdrängt;  –  es entsteht ein System von Erziehungseinrichtungen (vor allem die Pflichtschulen für die Jahrgänge über das 12. Lebensjahr hinaus), in denen die Bildungsprobleme der Jugendlichen kanalisiert werden.  \n  So grobschlächtig diese Beschreibung anmuten mag (in ihr sind sich die Historiker der europäischen Sozialisationsgeschichte einig): ich will es noch gröber auf eine vielleicht überpointierte Formel bringen: Das Jugendalter (also die Angehörigen dieser Altersstufe, nicht der Begriff, den sich die Kultur der Erwachsenen davon machte) ist von einer sozial relativ Undefinierten, mal längeren, mal kürzeren, im ganzen riskanten, häufig chaotischen Übergangsphase zu einem Objekt öffentlicher Fürsorge geworden. Diese Fürsorge ist totalitär, weil sie durch ein Zusammenwirken ordnungspolitischer, familienfürsorgerischer, bildungspolitischer, freizeitpädagogischer und therapeutischer Maßnahmen zu erreichen versucht, was unsere kulturellen und sozialstrukturellen Bestände nicht mehr hergeben. Ich kann den Beweis dafür hier in einem so knappen Rahmen nicht systematisch entwickeln. Aber einige unsystematische Beobachtungen sollen andeuten, was damit gemeint ist. \n  Obwohl immer nur Minderheiten diese Probleme zur Sprache brachten, waren es doch jeweils die Probleme von Generationen, wenn auch oft von nachfolgenden. Mit gutem Grund haben Sturm und Drang, Romantik und Jugendbewegung, die Halbstarken usw. den Elterngenerationen, immer auch zu denken gegeben. \n  Was ich eingangs \"Normalisierung\" nannte, kann ich nun erläutern: Für normal halte ich die Empfehlung Schleiermachers zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, sich im Hinblick auf die Lebensformen, mit denen die Jugend experimentiert, auch im Hinblick auf unkonventionelle Angriffe gegen die Lebensformen der Erwachsenen, Zurückhaltung aufzuerlegen und fürsorgerische, pädagogische, politische Reglementierungen zu minimieren. Das war offenbar ein glücklicher Moment in der Geschichte des pädagogischen Denkens: Die Verrechtlichung des Jugendalters hatte kaum erst begonnen; die bürgerliche Gesellschaft brauchte sich noch nicht vom Industrieproletariat, von sozialen Bewegungen und gesellschaftspolitisch-ökonomischen Krisen bedroht zu fühlen; die überlieferten Lebensformen erschienen einerseits noch hinreichend sinnhaft, andererseits einer Veränderung zugänglich, so daß an eine offene gesellschaftliche Zukunft relativ angstfrei gedacht werden konnte; der romantische Begriff des \"Kindes\" als Symbol für eine bessere Alternative gemeinschaftlicher Lebensformen signalisierte Vertrauen in die mögliche Vernünftigkeit dessen, was sich in der nachwachsenden Generation regte. Die daraus folgende Einstellung zum Jugendlichen nenne ich \"normal\", weil die moderne Statuspassage \"Jugendalter\" – davon bin ich überzeugt – auf die Dauer nur gelingen kann, wenn sie gesellschaftlich als dichte Aufeinanderfolge von Rollen-Erwartungen konstruiert wird. In gegenwärtig politisch-modischer Terminologie ausgedrückt: Je weniger dem Jugendalter relativ \"rechtsfreie Räume\" zur Verfügung stehen, um so pathologischer wird der Prozeß. \n  Und eben dies, die Pathologisierung des Jugendalters, ist das \"Unnormale\", das seit 150 Jahren im Generationenverhältnis sich breit gemacht hat. Die Bemühungen der Sozialwissenschaft, Jugend immer wieder als gesellschaftliche Gruppe zu bestimmen, und sei es in ihren auf soziale Lagen hin spezifizierten Ausprägungen, auch die Selbstdarstellungen der Jugend in Bewegungen, Verbänden, Aktionen haben den pädagogischen Habitus nicht verändern können, nach dem diese Statuspassage fein instrumentiert, subsidiär gestützt, rechtlich geregelt, als Rollen-Folge beschrieben, durch Institutionen kanalisiert und als möglichst lückenlose Integration gedacht und betrieben wird. So etwas kann einen schon unwillig machen, oder resigniert, oder pessimistisch, oder aggressiv, oder krank. Ein pathologischer Habitus! \n  Normal also ist an der gegenwärtigen Situation, daß die pathogenen Elemente des Habitus zurückgewiesen werden, daß man wieder (freilich ohne das selbst genau zu wissen) dort anknüpfen möchte, wo vor etwa 150 Jahren die Geschichte der Pathologisierung begann. An der Bruchstelle damals stand ja nicht nur Schleiermacher; seine Zeitgenossen Goya, Runge, C. D. Friedrich haben einen für Museen erstaunlichen Anteil jugendlicher Besucher in der Hamburger Kunsthalle angezogen; für viele \"Alternative\" sind die romantischen Anteile der Formenwelt des Jugendstils attraktiv; ein Slogan wie \"Seid realistisch – verlangt das Unmögliche\" könnte von  André Breton  , Max Ernst oder Kurt Schwitters stammen, Surrealismus oder Dada also, die ästhetisch-romantische Pointe vor 60 Jahren. Dies alles: eine subversive Geschichte der Romantik, die heute, von der Kunst-Bühne herabgestiegen, in den Alltag von Jugendlichen eindringt, das alles nenne ich \"Normalisierung\". Und mehr noch: Warum eigentlich soll es für einen noch moralisch empfindenden und urteilenden Jugendlichen nicht normal sein, sich abzuwenden von gesellschaftlichen Institutionen, die kaum noch Sittlichkeit repräsentieren, kaum noch legitimierbare Lebensformen anzubieten haben: die faktische Verwahrlosung des Verfassungsprinzips von der Sozialbindung des Eigentums; die auf Wählerstimmen zielenden \"Blechworte\" (von Hentig) vom \"Dialog mit der Jugend\"; die Perspektiven von Jugendarbeitslosigkeit; die moralische Öde auch in Teilen der beiden Kirchen, wenn es um soziale Ungerechtigkeit oder Friedensbewegung geht; die Schulen als \"Verteilungsapparatur für Sozialchancen\" (so  diagnostizierte  Schelsky schon vor Jahrzehnten), nicht aber als Ort, wo sich, wenn auch vorübergehend, leben läßt; alles in allem: wir, die Erwachsenengeneration, argumentieren mit \"Sachzwängen\", wo Jugendliche Argumente der (freilich nicht \"Ordnung\", \"Fleiß\", \"Sauberkeit\" usw.) erwarten. Kann ein Jugendlicher damit leben? Was daran soll noch \"normal\" sein? Normal erscheint mir, daß man sich abwendet. Und damit – mit dieser \"Normalisierung\" – bewegt sich tatsächlich die Jugendproblematik auf eine kritische Situation hin. \n  Kritisch daran ist weniger das Verhalten der jungen Generation als vielmehr die innere Problematik unserer Lebensformen. Vielleicht geht es noch eine Zeitlang, die Brüchigkeit dieser Lebensformen durch Beschwörungsformeln auf Parteitagen und anderswo zu verbergen, zu verbergen, daß die Sittlichkeit unserer Verfassung – die doch immerhin eine auch würdige Geschichte der Neuzeit hinter sich hat – in den Institutionen dieser Gesellschaft ziemlich schlecht repräsentiert wird. Vielleicht ist das der Preis, den man für Industrialisierung, Massengesellschaft und materiellen Wohlstand zahlen muß. Ich weiß es nicht. Mir jedenfalls erscheint er reichlich hoch bemessen. Dieses Dilemma macht ratlos. Eine Elternvertreterin drückte das in ihrer Ansprache an die Abiturienten des letzten Jahres so aus: \n  Mir erscheint der Vorwurf, wir seien \"Arbeitstrottel und Leistungsidioten\", noch vergleichsweise harmlos. Schwerer wiegt der unausgesprochene Vorwurf, der in der Schrumpfung der Zeitperspektive, in der hedonistischen Konzentration auf den Augenblick liegt. Der Umgang mit der Zeit ist immer tief in den Lebensformen verwurzelt. Er gibt nicht nur den menschlichen Tätigkeiten eine bestimmte Form, sondern auch den Beziehungen zwischen den Personen und zu den Dingen. Er bindet die Gegenwart an die Erinnerung und an das zukünftig Mögliche. Unsere Kultur hat uns in dieser Hinsicht zweierlei eingebracht: das historische Bewußtsein, d. h. einen reflektierten Umgang mit den Traditionen, den kulturellen Beständen und ein planend verantwortliches Vorgreifen auf die Zukunft; den mechanischen Zeittakt industrieller Arbeit, der weit über die Arbeitsstätten hinaus bis in private Beziehungen eindringt, Bildungs- und Lernrhythmen bestimmt, die Freizeit reguliert usw. Da kann dann die Zeit als das immer Gleiche erscheinen, Zukunft als die mechanische Verlängerung der Gegenwart; Vergangenheit und Erinnerung werden unwichtig. Historisches Bewußtsein schwindet also nicht nur im Leben der Jugendlichen, sondern auch in Leben. Die Disco-Kultur paßt deshalb nicht schlecht in die Freizeitkultur der Erwachsenen, und beide spiegeln die Perspektivenarmut unserer Lebensform. Mit welchen Gründen also können wir den Jugendlichen ihren Hedonismus, die Ablehnung unserer Leistungsmentalität, ihre Aussteigertendenzen ausreden wollen? \n  Teil jeder guten Beratung ist eine Anamnese. Was würden wir in einer Anamnese sagen, in der die Rollen vertauscht wären? Peter Handke hat das Problem gut getroffen, als er sagte: \"Wenn ich jemandem Mitgefühl, soziale Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Geduld beibringen will, befremde ich ihn nicht mit der abendländischen Logik, sondern versuche ihm zu erzählen, wie es mir selber einmal ähnlich erging, d. h. ich versuche, mich zu erinnern\" (Handke: Als die Wünsche noch geholfen haben, Frankfurt/M. 1974, S. 80 )  \n       Literaturhinweise \n   Clarke, J. u. a.: Jugendkultur als Widerstand, Frankfurt/M., 1979.  Donzelot, J.: Die Ordnung der Familie, Frankfurt/M., 1980.  Giesecke, H.: Wir wollen alles, und zwar subito! In: deutsche jugend. Jg. 1981/6, S. 251 ff.  Gillis, J. R.: Geschichte der Jugend, Weinheim/Basel, 1980.  Haller, M. (Hg.): Aussteigen oder rebellieren. Jugendliche gegen Staat und Gesellschaft, Hamburg, 1981.  Shorter, E.: Die Geburt der modernen Familie, Reinbek, 1977.  Sozialdemokratische Partei der Stadt Zürich (Hg.): Eine Stadt in Bewegung. Materialien zu den Züricher Unruhen, Zürich 1980.  Zinnecker, J.: Jugendliche Subkulturen, in: Zeitschrift für Pädagogik, Jg. 1981/3, S. 421 ff.  \n    "